29/01/2026
Ich empfehle das Buch von ihm „trotzdem ja zum Leben sagen“
Die Sinnfrage steht über allen im Leben und macht/ erhält unsere Resilienz.
1941 besaß Viktor Frankl ein Visum, das ihm das Leben hätte retten können.
Wien war bereits unter nationalsozialistischer Herrschaft. Jüdische Akademiker wurden ihrer Positionen, ihres Eigentums und ihrer Rechte beraubt. Frankl war ein junger, aber angesehener Psychiater und hatte die Erlaubnis, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Die Flucht war möglich.
Doch die Ausreise hätte bedeutet, seine Eltern zurückzulassen.
Nach langem Überlegen ließ er das Visum verfallen. Er blieb.
1942 wurden Frankl, seine Frau Tilly und seine Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort an Hunger und Krankheit. Seine Mutter wurde später in Auschwitz ermordet. Sein Bruder starb in einem Zwangsarbeitslager. Seine Frau kam kurz vor der Befreiung in Bergen-Belsen ums Leben.
Frankl überlebte sie alle.
Als er 1944 in Auschwitz ankam, taten die N***s das, was sie mit jedem Gefangenen taten. Sie tilgten seine Identität. Sein Name wurde zu einer Nummer. Seine Kleidung wurde ihm abgenommen. Seine Habseligkeiten wurden zerstört. In seinem Mantel versteckt fand er das Manuskript eines Buches, an dem er jahrelang gearbeitet hatte und in dem er eine neue psychologische Theorie darlegte.
Es wurde beschlagnahmt und ging verloren.
Dieser Moment markierte den völligen Verlust all seiner äußeren Ressourcen. Frankl blieb nur sein Körper, ausgehungert und geschlagen, und sein Geist, zu dem die Wachen keinen Zugang hatten.
In den Lagern beobachtete er, wie Menschen auf unterschiedliche Weise zerbrachen. Manche Gefangene gaben schnell auf und verfielen der Verzweiflung. Andere hielten länger durch, manchmal gegen jede Vernunft. Kraft und Jugend waren nicht ausschlaggebend. Gesundheit allein erklärte das Überleben nicht.
Was zählte, war der Sinn.
Diejenigen, die sich an einen Lebensgrund klammerten, so zerbrechlich er auch sein mochte, hatten eine größere Überlebenschance. Manche träumten von einem Wiedersehen mit ihren Lieben. Manche hielten am Glauben fest. Manche glaubten, sie hätten eine unvollendete Aufgabe, die sie erfüllen mussten, wenn sie überlebten.
Frankl hielt an dem Bild seiner Frau fest, selbst als er nicht wusste, ob sie noch lebte. Er sprach in Gedanken mit ihr. Er erinnerte sich an Gespräche, die noch nicht stattgefunden hatten. Diese innere Verbindung gab ihm Halt.
Aus diesen Beobachtungen entwickelte er eine Idee weiter, die er bereits vor dem Krieg erarbeitet hatte: dass die tiefste menschliche Motivation nicht Vergnügen oder Macht, sondern Sinn ist. Selbst wenn Leid unvermeidbar ist, behält der Mensch die Freiheit, zu entscheiden, wie er damit umgeht.
Später nannte er diesen Ansatz Logotherapie.
Frankl bemerkte noch etwas anderes. Selbst in den Lagern konnten Menschen Mitgefühl wählen. Manche teilten Brot. Manche trösteten andere, die dem Tod entgegengingen. Andere wählten Grausamkeit. Die äußeren Bedingungen waren identisch, aber die inneren Reaktionen unterschieden sich.
Dieser Unterschied war entscheidend.
Nach der Befreiung 1945 kehrte Frankl mit kaum 36 Kilogramm nach Wien zurück. Er erfuhr, dass seine gesamte Familie tot war. Alles, wofür er zurückgeblieben war, war zerstört worden.
Anstatt sich in Schweigen zu verstricken, schrieb er.
In den folgenden Monaten diktierte Frankl das Manuskript, das später zu „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ werden sollte. Das Buch verband seine Erfahrungen in den Lagern mit dem psychologischen Rahmen, den er dort entwickelt hatte. Seine zentrale These war einfach und beunruhigend: Leid ist unvermeidlich, Verzweiflung jedoch nicht.
Das Leben verliert nie seinen Sinn, selbst im Schmerz.
Das Buch verbreitete sich zunächst langsam, dann weltweit. Es verkaufte sich millionenfach und ist bis heute Pflichtlektüre in Psychologie, Philosophie, Medizin und im Strafvollzug weltweit.
Frankl baute sich ein neues Leben auf. 1947 heiratete er erneut. Er nahm seine klinische Tätigkeit und seine Lehrtätigkeit wieder auf. Bis ins hohe Alter von über achtzig Jahren hielt er international Vorträge. Er starb 1997 im Alter von 92 Jahren.
Er behauptete nie, Leid sei gut. Er bestand lediglich darauf, dass man darin Sinn finden könne und dass dieser Sinn einen Menschen tragen könne, wenn nichts anderes mehr bleibe.
Die N***s nahmen ihm seine Familie, seine Freiheit, seine Arbeit und beinahe auch sein Leben.
Sie nahmen ihm nicht die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, wie er darauf reagierte.
Diese in den Lagern gewonnene Erkenntnis ist der Grund, warum Viktor Frankl unvergessen bleibt. Nicht weil er Leid ertrug, sondern weil er der Welt zeigte, dass selbst unter den dunkelsten vorstellbaren Bedingungen die Menschenwürde erhalten bleibt, wenn der Sinn bewahrt wird.
Er wurde auf eine Zahl reduziert.
Er wurde zur Stimme, die Millionen lehrte, wie man ausharren kann, ohne seine Menschlichkeit aufzugeben.