04/08/2019
Die Macht der Neuronen oder wie unser Gehirn unser Jetzt bestimmt
Dank der Hirnforschung wissen wir heute, dass die neuronalen Verschaltungen in unserem Gehirn unmittelbar mit der erfahrenen Sozialisation zusammenhängen, die in den ersten drei Lebensjahren stattfindet. Die in dieser Zeit stattfindende Strukturierung des Gehirns bestimmt später entscheidend, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir Beziehungen suchen und gestalten.
Frühkindlich erfahrene und anhaltende aversive Stresszustände, die durch negative Bindungserfahrungen, Missbrauch (körperlich oder emotional) und traumatische Erlebnisse hervorgerufen werden, aktivieren im Gehirn dauerhaft ähnliche Schaltkreise wie Panikzustände und körperlicher Schmerz.
Neurowissenschaftlich gibt es heute keinen Zweifel daran, dass unsere frühkindlichen Erfahrungen an der Konstruktion des neuronalen Netzwerkes im Gehirn maßgeblich beteiligt sind und so unsere Persönlichkeit entscheidend prägen und formen.
Jedes langanhaltende Stresserleben in der Kindheit führt u.a. zu Dysfunktionen in der Ausbildung von Synapsen, Störungen der Migration sich entwickelnder Nervenzellen oder fehlerhafte Differenzierung funktioneller Neuronenverbände in verschiedenen Hirnarealen. Die Hirnforschung spricht von einer spezifischen Vulnerabilität im limbischen System und im Hirnstammes der rechten Hirnhälfte, da Funktionen wie Bindungs- und Beziehungsverhalten, Affektregulation und Stressmodulation primär rechtshemisphärisch gesteuert werden.
Mit anderen Worten, nicht nur die Seele, auch unser Gehirn speichert alle emotionalen Stresserfahrungen der Kindheit.
Vielen Menschen fällt das Leben daher schwer. Sie sind erwachsen und spüren, dass da etwas in ihnen ist, was zu diesem Erwachsensein irgendwie nicht ganz passt. Sie wissen genau, wie sie als Erwachsene denken und handeln könnten, aber da ist dieses gefühlte Fremde in ihnen, das sie immer wieder aus dem eigenen Inneren heraus sabotiert.
Fakti ist: Fast alle Probleme im Jetzt basieren auf den Problemen der Vergangenheit.
Daher ist es so wichtig, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Reise in die Kindheit anzutreten. Denn tun wir das nicht, fühlen, denken, handeln und reagieren wir zeitlebens aus den frühkindlichen Erfahrungen, die unser Gehirn geprägt haben.
Da diese Erfahrungen in den meisten Fällen unbewusst sind und deshalb zu leidvollen Automatismen führen, ist eines der wichtigen Ziele, sie bewusst zu machen, sie durchzuarbeiten und aktiv Neues zu lernen und zu gestalten.
Das bedeutet: Unheilvolle neuronale und psychologische Bedingungen zu schwächen und heilvolle zu stärken.
Ist das möglich?
Ja, es ist möglich.
Das Leben ist Veränderung und genau dieser Veränderung unterliegt unser Gehirn. Es kann sich verändern. Und damit kann sich auch unser Leben verändern.
Erich Fromm formulierte es einmal folgendermaßen:
„Wenn ich vom vollgeborenen Menschen spreche,
dann spreche ich vom Menschen im Sinne Goethes, von jenem Menschen, der sich gelöst hat von der Mutter, vom Vater, von der Herde – von jenem Menschen, der gleichsam seine eigene Mutter, sein eigener Vater und sein eigenes Gesetz geworden ist.“
Der Weg dahin ist lang, er ist beschwerlich und er ist schmerzhaft. Das Gehirn und die Seele brauchen Zeit um die alten Wunden zu verarbeiten, neues zu lernen und zu heilen. Und ja, mache Wunden heilen nie, aber sie können aufhören zu bluten. Es liegt an uns, ob wir dafür sorgen.
Namaste
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
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