29/01/2026
Nähe und Abgrenzung in der Palliativarbeit – Menschlichkeit mit Haltung
Palliative Begleitung lebt von Beziehung. Sie ist keine rein technische Versorgung und kein bloßes Abarbeiten von Aufgaben. Menschen lassen uns an sehr persönliche Bereiche heran – körperlich, seelisch und biografisch. Sie teilen Erinnerungen, Sorgen, offene Fragen und leise Hoffnungen. Daraus entsteht oft ganz selbstverständlich Verbundenheit. Und das ist wichtig, denn ohne menschliche Nähe ist echte Begleitung kaum möglich.
Gleichzeitig bringt genau diese Nähe Herausforderungen mit sich. Wer sich berühren lässt, erlebt nicht nur Dankbarkeit und schöne Momente, sondern auch Hilflosigkeit, Trauer und Abschied. Beziehung bedeutet immer auch Verletzlichkeit. Viele kennen die innere Sorge: Halte ich das aus? Was, wenn mich das Leid zu sehr mitnimmt?
Palliative Care bewegt sich deshalb ständig zwischen Mitgefühl und Selbstschutz. Eine professionelle Haltung heißt nicht, gefühllos zu werden. Sie bedeutet vielmehr, achtsam mit den eigenen Kräften umzugehen, um dauerhaft begleiten zu können. Zu viel Nähe ohne Ausgleich führt zur Erschöpfung, zu viel Distanz macht die Arbeit innerlich leer.
Im Alltag kann dieses Gleichgewicht ganz unterschiedlich aussehen: präsent zuhören, ohne sofort Lösungen liefern zu müssen; die eigenen Grenzen wahrnehmen und Warnzeichen ernst nehmen; Beziehungen bewusst als zeitlich begrenzt verstehen – zugewandt, ehrlich und klar, aber ohne sich selbst zu verlieren. Auch eigene Emotionen dürfen Raum haben. Berührtsein oder Tränen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Menschlichkeit. Wichtig ist zudem der Austausch im Team, denn gemeinsames Reflektieren entlastet und schützt davor, mit Belastendem allein zu bleiben.
Dass Bindung entsteht, ist kein Fehler, sondern Teil guter Begleitung. Enttäuschungen und Abschiede gehören dazu. Entscheidend ist nicht, ob uns Situationen nahegehen, sondern wie wir damit umgehen. Nähe bewahrt das Menschliche, gesunde Distanz erhält die eigene Kraft – zusammen ermöglichen sie tragfähige Begleitung.
Eine hilfreiche innere Frage kann sein: Was betrifft gerade mich persönlich – und was gehört zur Situation des anderen Menschen? Diese Unterscheidung hilft, das Herz offen zu halten, ohne sich selbst zu überfordern.
Mitgefühl braucht Grenzen, um dauerhaft möglich zu sein.
Und noch etwas zum Miteinander im Austausch: Nicht jeder Gedanke spricht jede Person sofort an. Manches berührt vielleicht alte Erfahrungen oder löst Widerstand aus. Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten, bevor man bewertet. Erst wahrnehmen, dann darüber nachdenken – und anschließend eine Haltung entwickeln.
Es gibt viele Sichtweisen, Wege und fachliche Zugänge in der Palliativarbeit. Gerade diese Vielfalt macht Gespräche wertvoll. Wichtig ist, dass wir uns dabei respektvoll, achtsam und auf Augenhöhe begegnen – auch bei unterschiedlichen Meinungen.