23/09/2021
Bist du das?
Vielleicht bist du zufällig über diesen Text gestolpert oder jemand hat ihn dir gezeigt. Du liest und liest und vielleicht fragst du dich irgendwann, ob darin nicht irgendwie auch du beschrieben wirst.
Vielleicht gleicht dein Gedächtnis einem Sieb, in dem sich feste Gedankenmasse sammelt und die Details durch den Ausguss jagt. Tja, blöd gelaufen, denn deine sorgsam zurecht gelegten Gedanken passen nun "vorne und hinten" nicht mehr. Und irgendwie war das immer schon so und auch der Frust in deinem Bauch ist dir vertraut. Deine Aufmerksamkeit arbeitet keine Prioritätenlisten ab, sondern springt zwischen den einzelnen Punkten hin und her. Schon wieder in viel zu vielen Bereichen gleichzeitig Energien investiert und keine Lösung in der Hinterhand, die sich hinter Gedankenchaos versteckt.
Manchmal ist dein Kopf so leer, dass du ihn mit Worten füllen möchtest. Dann stellst du fest, dass er zum Bersten vollgestopft ist mit Gedanken und es lediglich die Worte sind, die fehlen und die über die Masse hinwegtäuschen. Deine Gedanken sind unfertig in deinen Kopf gespuckt, wo sie kreative Prozesse auslösen und sich so lange drehen, bis sie zusammengewürfelt durch deine Hirnwindungen kriechen. Was du auch tust, sie lassen sich nicht produktiv abspielen.
In deinem Kopf herrscht das Chaos, tobt, turnt, wütet. Und manchmal wird der Inhalt zäh wie Watte, fängt weitere Gedanken. Verdammt, was wolltest du noch gleich? "Konzentriere dich," zischt es in deinem Kopf. Ein Satz, der schon im Sandkasten mit dir spielte und dich in die Schule begleitet hat. Erst wohlwollend, dann vorwurfsvoll.
Vielleicht hat sich die Unruhe durch deinen Körper gefressen und deine Muskeln haben gezuckt, deinen Bewegungsdrang bis ins Unermessliche gesteigert. Chaos, überall Chaos. Geduld war leider ausverkauft, könnte man meinen, aber du weißt, dass es verharmlost, es so zu bezeichnen. Deine Worte wecken lediglich ein müdes Lächeln in Gesichtern, die bestenfalls von lebhaftem Verhalten sprechen.
Vielleicht blühen die besten Ideen immer dann in dir, wenn die Pflicht dich in die Mangel nimmt. Dein Haushalt ist nur in der Theorie gut versorgt, aber immerhin weißt du jetzt, welches Hobby wirklich zu dir passt.
Wenn dir das alles bekannt vorkommt, könntest vielleicht auch du ADHS haben.
ADHS ist keine Kinderkrankheit. Es gibt neben dem hyperaktiven ADHS auch die hypoaktive Form. Das sind meistens die Menschen, die zwischen den lauten Exemplaren übersehen werden. "Träumst du schon wieder?" haben sie schon so oft gehört und haben vielleicht irgendwann resigniert. "Wenn du es sehen könntest," habe ich mir oft gedacht und meinen Frust in Gedanken gegen die nächste Wand geworfen. Chaos, Gedankenfragmente, Reizoffenheit...
Viele ADHSler nehmen die Welt deutlich intensiver wahr als die meisten anderen Menschen. Geräusche können unabhängig von der Lautstärke zur Überforderung führen und in den Ohren schmerzen. Auch die visuelle Wahrnehmung ist oftmals viel intensiver als bei anderen Menschen, die kein ADHS haben. Betroffen können auch andere Bereiche der Wahrnehmung sein.
ADHS bedeutet oft eine "Gefühlsachterbahn", die dein Lächeln in Tränen verwandelt und dir dein Lächeln zurückgibt, wenn dir die Hoffnung die Freundschaft gekündigt hat. Deine Art zu fühlen ist sehr intensiv und oft findest du Möglichkeiten, die anderen verschlossen bleiben. Vielleicht hast du all die Jahre mit Worten gekämpft, die nicht erklärt haben, was du nicht verstehen konntest.
"Anders" haben sie dich vielleicht genannt, um ihre Gedanken in Worte zu packen. Nur ein paar aneinander gereihte Buchstaben, die dir aber früh eine Distanz vermittelt haben. Deine Fähigkeiten haben vielleicht täglich um deine Aufmerksamkeit gekämpft und sind hinter fremdbestimmten Schwächen von dir verblasst.
Bist du das?
Copyright Natalie