12/11/2022
Der Zwischenfersensitz
Er wird auch W-Sitz genannt und ist selbst in Fachkreisen ein umstrittenes Thema. Man findet dazu verschiedenste Meinungen, von „völlig normal“ bis „definitiv schädlich“ ist alles dabei, aber meist fehlen die Belege.
Meine Meinung lautet: Es kommt darauf an. Wie so oft funktioniert hier kein Schwarz-Weiß-Denken, auch wenn das natürlich immer super ankommt, denn kurze Beiträge sind leicht verständlich und kosten die Leser*innen wenig Zeit und Konzentration. Daher sind sie viel beliebter als differenzierte Ausarbeitungen – aber in der Realität ist vieles leider nicht so simpel.
Kürzlich habe ich in einem Beitrag einer bekannten Ergotherapeutin gelesen, der Zwischenfersensitz führe zu einem Hypotonus (=pathologisch herabgesetzte Muskelspannung), zu Haltungsschwäche sowie orthopädischen und koordinativen Problemen. M.E. eine gewagte Aussage, denn dass eine Sitzposition dauerhaft den Tonus verändern soll, der vom zentralen Nervensystem gesteuert wird, widerspricht allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Tonus. Auf meine Frage dazu reagierte die Autorin leider nicht. Ich finde es sehr schade, wenn Eltern auf diese Weise Angst gemacht wird.
Kurzer Abstecher zum Basiswissen Statistik: Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Es stimmt, dass hypotone Kinder Probleme mit der Aufrichtung gegen die Schwerkraft haben und häufig im W-Sitz sitzen, denn dieser bietet eine große Unterstützungsfläche und erleichtert damit das Verweilen in der Position. Das heißt jedoch nicht, dass auch der Umkehrschluss gilt und der W-Sitz Kinder „hypoton macht“! So funktioniert das nicht. Der Hypotonus besteht schon vorher.
Eine Logopädin kommentierte unter dem besagten Post ganz pauschal, im W-Sitz werde zudem das Zwerchfell eingeengt und die HWS-Aufrichtung gelinge nicht ausreichend, was die Sprachentwicklung hemmen könne. Ich fragte verwundert nach, und wie sich herausstellte, basierte ihr Urteil lediglich auf der Tatsache, dass SIE SELBST im W-Sitz Probleme hat, sich aufzurichten. Auf gesunde Kinder und gut bewegliche Erwachsene trifft das i.d.R. nicht zu, auch ich kann so problemlos völlig aufgerichtet sitzen und mein Zwerchfell nutzen.
Tatsächlich erleichtert die Position die Aufrichtung sogar, wie erwähnt – es sei denn, die Hüftinnenrotation ist etwas eingeschränkt und erlaubt daher das bequeme Einnehmen des W-Sitzes nicht, der maximale Innenrotation erfordert. Erwachsene sind sehr häufig in ihrer Hüftbeweglichkeit eingeschränkt, da sich durch den oft einseitigen Alltag diverse Muskeln verkürzen. Kinder sind aber deutlich beweglicher, weshalb von Erwachsenen abgeleitete Pauschalurteile selten sinnvoll sind. Und: Natürlich sitzen hypotone Kinder im W-Sitz häufig zusammengesunken, aber das tun sie in anderen Positionen genauso, da ihnen eben die Aufrichtung generell schwerfällt.
Elementarpädagog*innen wissen: Gerade im Kindergartenalter ist der Zwischenfersensitz eine sehr beliebte Position. Der Grund ist, dass die Oberschenkelknochen noch eine erhöhte Antetorsion zeigen, also in sich stärker nach innen gedreht sind als beim Erwachsenen. Zudem bestehen in diesem Alter physiologische X-Beine. Beides ist normal und diese anatomischen Gegebenheiten führen dazu, dass der Zwischenfersensitz von Kindern im Kindergarten- und oft auch Schulalter häufig als sehr bequem empfunden wird.
Ist der W-Sitz also per se ein Problem? Nein. Er ist einfach eine Position von vielen. Zeigt das Kind ein normales, vielfältiges Bewegungsverhalten mit uneingeschränkter Gelenksbeweglichkeit und sitzt mal im W-Sitz, mal im Lang-, Ring- oder Schneidersitz, hockt, kniet oder liegt und hat keine Mühe mit Aufrichtung und Bewegungsübergängen, muss man sich überhaupt keine Sorgen machen, auch nicht bei Schulkindern.
Bei Babys sieht es etwas anders aus. Die meisten davon zeigen gar keinen W-Sitz, sondern vorwiegend andere Sitzpositionen wie den Lang- oder Ringsitz. Macht auch Sinn, denn sie haben zwar auch eine erhöhte Antetorsion, befinden sich aber im physiologischen O-Bein-Alter (das X-Bein-Alter beginnt ca. mit 2-3 Jahren). Sitzt ein Baby dennoch im Zwischenfersensitz, ist meiner Erfahrung nach oft eine unzureichende Rumpfstabilität der Grund. So zeigen einige Babys den W-Sitz nur für wenige Wochen als erste Sitzposition und wechseln zu anspruchsvolleren, sobald sie mehr Stabilität entwickelt haben.
Bleibt der W-Sitz im Babyalter dennoch die Lieblingsposition, handelt es sich oft um Kinder, die einfach generell eine niedrigere Rumpfstabilität haben als andere. Das kann behandlungsbedürftig sein (je nachdem, wie das restliche Bewegungsverhalten aussieht), muss aber nicht. Die Grenze zur definitiven Hypotonie ist fließend. Seltener ist eine eingeschränkte Hüftbeweglichkeit der Grund für die Vorliebe für den Zwischenfersensitz, zB bei Kindern, die es nie geschafft haben, die eigenen Füße in den Mund zu nehmen. Das ist immer ein Grund für Physiotherapie!
Übrigens kann auch Kleidung die Beweglichkeit einschränken. Mit nicht dehnbaren Hosen, v.a., wenn sie eng oder etwas tiefer gerutscht sind, ist der Schneidersitz zB nicht gut möglich – der W-Sitz aber schon, weil man dafür die Beine nicht weit öffnen muss. Nur mit dehnbarer, bequemer Kleidung ermöglicht man Kindern (und Erwachsenen!), sich frei zu bewegen.
Im eingangs erwähnten Fremdposting stand, dass passiv hingesetzte Kinder häufig im Zwischenfersensitz sitzen. Das kann ich überhaupt nicht bestätigen, denn diese werden ja typischerweise im Langsitz positioniert und lernen daher früh, sich dort stabil zu halten. Es ist natürlich aus vielen anderen Gründen nicht sinnvoll, ein Baby hinzusetzen, bevor es sich selbstständig in den Sitz begeben kann, wie ihr aus meinen Beiträgen wisst – der W-Sitz hat damit aber nichts zu tun.
Und was sagt die Wissenschaft zum Thema Zwischenfersensitz? Bisher nicht sehr viel, denn dazu wurde noch kaum geforscht. Ein paar interessante Studien gibt es aber doch. Eine davon [1] berichtet, dass ganze 63% von über 1000 untersuchten Kindergartenkindern (3-6 J.) gerne und oft den W-Sitz einnahmen. Für eine pathologische Position wäre das ganz schön viel, oder?
Und eine Review von 2021 [2] fasst zusammen: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen jahrelangem W-Sitz und Hüftdysplasie (=Fehlbildung der Hüftgelenkspfanne). In der entsprechenden Studie [3] wurden durchschnittlich 9,9 Jahre alte Kinder (Standardabweichung 5,7) mit und ohne Vorliebe für den W-Sitz verglichen – die Rate an Hüftdysplasien unterschied sich nicht. Die Review [2] erklärt weiter: Es gibt keinerlei Evidenz dafür, dass der W-Sitz zu Verkürzungen oder funktionellen Defiziten führt. Die Autor*innen betonen, dass viele gängige Empfehlungen und Glaubenssätze in der kinderorthopädischen Medizin und Therapie keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund haben und einfach ohne kritisches Hinterfragen weitergegeben werden.
Wie ich weiter oben erwähnt habe, weisen die Oberschenkelknochen kleiner Kindern eine deutlich erhöhte Antetorsion auf, sind also stärker in sich nach innen gedreht – und zwar bereits bei der Geburt [4]. Eine Sitzposition als Ursache ist daher ausgeschlossen. Mit dem Wachstum reduziert sich die Innendrehung langsam und gleicht sich erst mit 10-14 Jahren an die Werte von Erwachsenen an.
Woher kommt nun die Empfehlung vieler Fachpersonen, Kinder nicht im W-Sitz sitzen zu lassen, da dieser schädlich sei?
U.a. durch die erwähnte Häufung bei Hypotonie, nehme ich an. Es gibt zB auch Studien, die als Risikofaktoren für einen kindlichen Plattfuß neben Übergewicht u.a. Hypermobilität (Überbeweglichkeit), verlangsamte motorische Entwicklung und eine Vorliebe für den W-Sitz finden [5, 6] – all das ist typisch für hypotone Kinder. Wie gesagt: Man darf Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Es gibt Unmengen von Kindern, die sich gerne im W-Sitz aufhalten und weder Hypermobilität noch Hypotonus oder Entwicklungsverzögerung aufweisen, sonst käme man niemals auf die vorher erwähnten 63% [1].
Bekannt ist außerdem, dass z.B. Kinder mit Cerebralparese meist im W-Sitz sitzen [7], denn ihre Hüftbeweglichkeit ist oft durch eine Spastik eingeschränkt – das ist ein pathologisch erhöhter Muskeltonus, der durch eine Hirnschädigung entsteht.
Es ist also ähnlich wie beim Hypotonus: Kinder, die aufgrund einer Einschränkung der Hüftaußenrotation & -abduktion Probleme mit anderen Positionen haben, sitzen oft im W-Sitz. Das heißt aber natürlich nicht, dass jede Person, die so sitzt, eine Einschränkung hat oder gar durch die Position entwickeln wird! Das gilt es zu unterscheiden.
Bei Kindern mit einer Spastik, die die Beine zueinander zieht und nach innen dreht (Adduktion&Innenrotation), wird das Hüftgelenk mit den Jahren immer mehr in Mitleidenschaft gezogen, sodass u.U. Operationen notwendig werden. Studien belegen, dass durch konsequente Umpositionierung der Beine durch Hilfsmittel die Schädigung der Hüftgelenke verhindert bzw. verlangsamt werden kann [8, 9]. Das zeigt: Dauerhafte (!) Adduktion und Innenrotation schädigt die Hüftgelenke (zumindest bei Vorliegen einer Spastik, mehr wissen wir nicht). Gelegentliche maximale Innenrotation wie beim W-Sitz ist jedoch genauso normal wie jede andere Bewegungsrichtung. Keine Bewegung, die unsere Gelenke aufgrund ihrer Bauweise zulassen, kann pauschal „schlecht“ für unseren Körper sein (das wäre ja absurd). Einseitigkeit ist es! Mangelnde Vielfalt. Z.B., wenn wir den ganzen Tag in der gleichen Position im Büro sitzen.
Fazit: Wenn sich Eltern besorgt an mich wenden, weil sich ihr Kind im W-Sitz aufhält, sind für mich relevante Fragen, die ich durch Gespräch und Untersuchung kläre:
Wie alt ist das Kind? Nimmt es auch andere Positionen ein? Ist die Hüftbeweglichkeit eingeschränkt? Funktioniert zB die tiefe Hocke oder der Fuß-Mund-Kontakt mühelos? Ist der Muskeltonus auffallend hoch/niedrig? Fällt ihm die Aufrichtung schwer? Ist die Spontanmotorik vielfältig und unauffällig?
Danach richten sich die therapeutischen Maßnahmen, falls überhaupt welche notwendig sind. Es ist also nicht so relevant, ob ein Kind im W-Sitz sitzt, sondern was es sonst noch zeigt.
--
Text&Bild: © Kathrin Mattes. Kopieren nicht erlaubt, auch nicht auszugsweise.
Ich freue mich aber sehr über Teilen/Kommentieren/Speichern/Liken 😊
Wenn du mich auch finanziell unterstützen möchtest, findest du auf meiner Website ganz unten beim Punkt "Autorin" den Link zu meiner Kaffeekasse. Mittels PayPal oder Kredit-/Debitkarte kannst du mir einen selbst gewählten Betrag zukommen lassen. Vielen Dank ❤️
Quellen:
1. Altinel L., Köse K.C., Aksoy Y., Işik C., Erğan V., Ozdemir A. (2007). Hip rotation degrees, intoeing problem, and sitting habits in nursery school children: an analysis of 1,134 cases. In: Acta Orthop Traumatol Turc. 2007;41(3):190-4.
2. Honig E., Haeberle H., Kehoe, C.M., Dodwell, E.R. (2021). Pediatric orthopedic mythbusters: the truth about flexible flatfeet, tibial and femoral torsion, W-sitting, and idiopathic toe-walking. In: Review Curr Opin Pediatr. 2021 Feb 1;33(1):105-113.
3. Rethlefsen S.A., Mueske N.M., Nazareth A., Abousamra O., Wren T.A.L., Kay R.M., Goldstein R.Y. (2020). Hip Dysplasia Is Not More Common in W-Sitters. In: Clin Pediatr (Phila). 2020 Oct;59(12):1074-1079.
4. Gonzales A.S., Saber A.Y., Ampat G., Mendez M.D. (2022). Intoeing. In: StatPearls. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2022 Jan.
5. Chen K.-C., Yeh C.-J., Tung L.-C., Yang J.-F., Yang S.-F., Wang C.-H. (2011). Relevant factors influencing flatfoot in preschool-aged children. In: Eur J Pediatr. 2011 Jul;170(7):931-6.
6. Chen K.-C., Tung L.-C., Tung C.-H., Yeh C.-J., Yang J.-F., Wang C.-H. (2014). An investigation of the factors affecting flatfoot in children with delayed motor development. In: Res Dev Disabil. 2014 Mar;35(3):639-45.
7. Yokochi K., Hosoe A., Shimabukuro S., Kodama K. (1989). Motoscopic analysis of gross motor patterns in athetotic cerebral palsied children. In: Brain Dev. 1989;11(5):317-21.
8. Picciolini O., Métayer M.L.E., Consonni D., Cozzaglio M., Porro M., Gasparroni V., Panou A., Mosca F., Portinaro N.M. (2016): Can we prevent hip dislocation in children with cerebral palsy? Effects of postural management. In: Eur J Phys Rehabil Med. 2016 Oct;52(5):682-690.
9. Pountney T., Mandy A., Green E., Paul Gard P. (2002). Management of hip dislocation with postural management. In: Child Care Health Dev. 2002 Mar;28(2):179-85.