16/04/2026
⚠️ Wer Wettbewerb verbieten muss, hat bereits verloren
🩺 Das Gesundheitssystem steht unter Druck. Wartelisten wachsen. Kassenärzte werden seltener. Wahlärzte deutlich häufiger. Die politische Reaktion darauf lautet: Wettbewerb eindämmen.
Das ist ein strategischer Kommentar zum Interview mit Gesundheitsministerin Korinna Schumann – und zur gefährlichen Logik hinter dem Ruf nach Privatisierungsverboten.
Am 8. April 2026 erschien in Arbeit&Wirtschaft ein Interview mit Bundesministerin Korinna Schumann. Titel: „Mit Gesundheit lässt sich gut Profit machen." Kernbotschaft: Private Anbieter im Gesundheitswesen gelten als Problem – und die Regierung wird handeln, um Privatisierungstendenzen „zurückzudrängen".
Schumann verweist auf ein „gutes, starkes öffentliches Gesundheitssystem", welches „dringend stabilisiert" werden müsse. Sie benennt 500 Millionen Euro im Gesundheitsreformfonds, Primärversorgungseinheiten als Zukunftsmodell, demografische Herausforderungen und das Versprechen des ASVG aus dem Jahr 1955.
Was das Interview nicht direkt ausspricht, scheint zwischen jeder Zeile hindurch: Das System steht unter erheblichem Druck. Wartelisten wachsen. Kassenärzte werden seltener, Wahlärzte deutlich häufiger – ein Plus von fast 150 Prozent seit 2000, bei lediglich 0,4 Prozent mehr Kassenärzten. Die politische Reaktion darauf lautet: Wettbewerb eindämmen.
In dieser Situation den Wettbewerb einzufrieren halte ich für einen fundamentalen strategischen Fehler – und ein demokratiepolitisches Problem ersten Ranges.
Als Co-Founder und CEO von pflege network®, dem ersten privaten Pflege-Franchisesystem Österreichs, und mit 15 Jahren Praxiserfahrung bei der ÖGK bringe ich eine Perspektive ein, die weder rein ideologisch noch rein unternehmerisch ist. Jemand, der beide Seiten dieses Systems von innen kennt, lernt: Systemisches Versagen zeigt sich immer zuerst in der Peripherie – lange bevor es in den Ministerien ankommt.
➡️Systemlogik schlägt Rhetorik
In der Strategieanalyse findet sich ein Grundsatz, der auf unsere Situation in der Gesundheitspolitik zutrifft wie auf kaum ein anderes Politikfeld:
Ein System, das seinen Wettbewerb verbieten muss, um zu überleben, hat bereits versagt.
Das ist keine ideologische Kampfansage gegen den Sozialstaat – es ist eine nüchterne systemlogische Diagnose.
Denn wenn private Anbieter Patientinnen und Patienten in einem solchen Ausmaß anziehen, dass dies politisch als Bedrohung gilt, verschiebt sich die relevante Frage: nicht, warum die Privaten so attraktiv sind, sondern warum das öffentliche System so unattraktiv wurde.
Schumann beantwortet diese Frage implizit selbst: Lange Wartezeiten, Ärztemangel im Kassensystem, fehlende Frauengesundheitsangebote, unzureichende Pflegeversorgung im ländlichen Raum. Kein einziges dieser Argumente richtet sich gegen Private. Alle gemeinsam sind Diagnosen eines Systems, das in zentralen Versorgungsaufgaben nicht liefert.
Wer in dieser Situation die Antwort in der Beschränkung von Wettbewerb sucht, verwaltet das Versagen – ohne es zu lösen.
Die eigentliche Reformaufgabe liegt anderswo: das öffentliche System so attraktiv, so effizient und so verlässlich zu gestalten, dass Menschen es aus Überzeugung wählen – nicht weil ihnen keine Alternative bleibt.
Demokratie, Marktwirtschaft und die Ausnahme Gesundheit
In einer funktionierenden Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft gilt ein Grundprinzip: Der Staat greift in den freien Markt ein, um Monopole zu verhindern – nicht, um sie zu errichten.
Kartellrecht, Wettbewerbsrecht, die gesamte regulatorische Architektur der EU folgen dieser Logik. Bundeswettbewerbsbehörde, Europäische Kommission, die einschlägigen Artikel des AEUV – alle verfolgen das Ziel, Machtkonzentration zu begrenzen und Wettbewerb zu schützen.
Die politische Erzählung rund um das österreichische Gesundheitswesen dreht dieses Prinzip um: Staatlich eingegriffen werden soll hier nicht, um ein Monopol zu brechen – sondern um eines zu zementieren.
Für das demokratische Gleichgewicht stellt dieser Ansatz ein Problem dar. Sobald der Staat als einziger Anbieter auftritt und gleichzeitig als Regulierer, Förderer und Kontrolleur agiert, entsteht ein Interessenkonflikt, der systemimmanent nicht auflösbar ist.
In anderen Bereichen – Energie, Telekommunikation, Verkehr – hat Österreich, hat Europa die Liberalisierung als notwendiges Korrektiv erkannt. Im Gesundheitswesen hingegen gilt staatliche Dominanz als Schutz, privates Engagement als Bedrohung.
Jenseits der wirtschaftspolitischen Fragwürdigkeit liegt eine ethische Dimension: Wer so argumentiert, behauptet implizit, Qualität, Innovation und Patientenorientierung seien exklusive Eigenschaften staatlicher Strukturen. Die Evidenz spricht dagegen.
➡️ Das Monopol der Solidarität hat einen blinden Fleck
Schumann verweist auf das ASVG-Versprechen von 1955: Versorgung unabhängig von Einkommen, Alter und Wohnort. In seiner Grundidee richtig und wichtig – und seit Jahren gebrochen. Nicht durch Private, sondern durch Systemversagen im öffentlichen Bereich selbst.
Wer in Österreich lebt, weiß, was Versorgungsgleichheit im öffentlichen System praktisch bedeutet: Wartezeiten von Wochen auf einen Facharzttermin, stundenlange Anfahrten zu Kassenärzten, lückenhafte Angebote in der mobilen Pflege. Formal gilt das ASVG-Versprechen. Faktisch gilt es nicht.
Daraus ergibt sich ein Paradoxon, das politisch kaum diskutiert wird: Private Anbieter schließen oft genau jene Lücken, die das öffentliche System offenlässt. Sie entstanden nicht als Ursache der Ungleichheit im System – sondern als Antwort auf sie.
Wer private Anbieter zurückdrängt, ohne die strukturellen Lücken zu schließen, verschlechtert die Versorgungslage für jene, die sich keine privaten Alternativen leisten können.
Das ist keine Theorie, sondern dokumentierte Realität in Regionen Österreichs, in denen pflege network® und ähnliche Strukturen tätig sind.
Unter der Rhetorik der Solidarität verbirgt sich ein realer Schaden: Die Abschaffung von Wettbewerb trifft zuerst jene, die auf Versorgung angewiesen sind – nicht jene, die sie politisch gestalten.
➡️ Gleichstellung konkret – wer wirklich verliert
Im Interview spricht Schumann explizit über Frauengesundheit: Endometriose, Wechseljahre, strukturelle Unterversorgung von Frauen im öffentlichen System. Richtig und wichtig – der daraus gezogene Schluss jedoch inkonsistent.
Frauen nehmen private Leistungen in Anspruch, weil das öffentliche System sie nicht ausreichend versorgt – nicht aus Ablehnung des Kassenangebots. Gynäkologie gehört zu den am stärksten von der Kassenflucht betroffenen Fachrichtungen. Frauenspezifische Erkrankungen werden im öffentlichen System chronisch unterdiagnostiziert und unterbehandelt.
Daraus folgt keine Beschränkung privater Frauengesundheitszentren als Lösung. Gefragt wäre ein öffentliches Angebot, das dem realen Bedarf von Frauen entspricht: Versorgungsplanung entlang geschlechtsspezifischer Bedarfsprofile, nicht entlang administrativer Überlieferung.
Analoges gilt für die Pflege. Die Aufnahme in die Schwerarbeiterregelung sendet ein wichtiges Signal. Zwischen Signal und Systemreform liegt jedoch eine erhebliche Distanz.
Solange Pflegeberufe systematisch benachteiligt und gesellschaftlich unterbewertet bleiben, wird keine Incentivierungsmaßnahme den Fachkräftemangel lösen.
Gleichstellung im Gesundheitswesen umfasst mehr als gleichen Zugang – gleiche Qualität, gleiche Bedarfsorientierung und gleiche Anerkennung derjenigen, die das System am Laufen halten. Ein Privatisierungsverbot verschiebt lediglich die Verantwortung, ohne irgendeines dieser Ziele zu erreichen.
➡️ Was wirksam wäre aber nicht gemacht wird
Anstatt Wettbewerb einzuschränken, braucht das österreichische Gesundheitswesen eine strategische Neuausrichtung entlang nachprüfbarer Kriterien. Aus meiner Arbeit im Schnittfeld von Sozialversicherung, privatem Pflegesystem und Digitalisierung ergeben sich sieben konkrete Positionen:
➡️ Wettbewerb als Qualitätshebel nutzen
Den Kassenbereich verlassen Ärzte nicht, weil Private attraktiver werben – sondern weil Bürokratie, Honorarstruktur und Rahmenbedingungen unattraktiv sind. Dort muss die Reform ansetzen.
➡️ Faire Finanzierungsparität zwischen öffentlich und privat herstellen
Wer öffentlich Leistung erbringt, benötigt dasselbe wirtschaftliche und fachliche Fundament wie private Anbieter. Quersubventionierung verzerrt und macht träge.
➡️ Versorgungsplanung regionalisieren und evidenzbasiert gestalten
Die von Schumann angekündigte Versorgungsanalyse geht in die richtige Richtung. Entscheidend bleibt, was daraus folgt: Bedarfsplanung nach Bevölkerungsstruktur, nicht nach politischem Verhandlungsergebnis.
➡️ Private Anbieter in Systemstrukturen integrieren
Hybridmodelle, in denen private Betreiber öffentliche Leistungsaufträge erfüllen, existieren in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden mit messbaren Qualitätsergebnissen. Österreich hat hier Nachholbedarf.
➡️ Digitalisierung als Systemreform begreifen
ELGA, Telemedizin und KI-gestützte Diagnostik bilden Voraussetzungen für skalierbare, qualitätsgesicherte Versorgung. Die Investitionen müssen der Dimension der Aufgabe entsprechen.
➡️ Pflegefachpersonen aufwerten
Schwerarbeiterregelung und Pflegebonus sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Notwendig bleibt eine vollumfängliche Neubewertung des Berufsfeldes: eine starke akademische Verankerung, freie Berufsausübung und eine klare Unterscheidung zwischen Pflege und Betreuung in den Medien wären ein Anfang.
➡️ Transparenz über Systemleistung herstellen
Schumanns Kritik an interessensgeleiteten privaten Studien trifft einen realen Punkt. Sie gilt aber symmetrisch genau so für den öffentlichen Sektor. Österreich braucht unabhängige, regelmäßig publizierte Qualitäts- und Versorgungsindikatoren – vergleichbar, nachvollziehbar, öffentlich zugänglich.
➡️ Autorität aus Klarheit
Weder als Lobbyist privater Gesundheitsunternehmen noch als Ideologe schreibe ich dies. Sondern als jemand, der 15 Jahre im öffentlichen Sozialversicherungssystem gearbeitet hat, der die Stärken dieses Systems kennt – und deshalb seine Schwächen benennt, ohne sie zu beschönigen.
Echte Qualitäten hat das österreichische Gesundheitssystem, das ist unbestritten. Die Solidarlogik des ASVG trägt in ihrer Grundidee. Systeme aber, die sich nicht kritisieren lassen, Wettbewerb als existenzielle Bedrohung erleben und politisch vor Innovation geschützt werden müssen, verlieren langfristig – nicht gegen Private, sondern gegen die Realität.
Schumanns Interview steht symptomatisch für eine politische Kultur, die Problembeschreibung mit Problemlösung verwechselt.
„Privatisierungstendenzen zurückdrängen" ist eine ideologisch motivierte Erzählung mit dem Ziel den Status Quo zu zementieren.
Denn hätte die Ministerin tatsächlich eine Strategie im Sinn, würde sie darüber sprechen, wie das System so gut wird, dass niemand mehr eine Alternative braucht.
Gleichstellung im Gesundheitswesen – zwischen Geschlechtern, zwischen Regionen, zwischen sozialen Schichten – entsteht durch Qualität, Erreichbarkeit und Verlässlichkeit.
Wer das öffentliche System wirklich stärken will, muss den Mut aufbringen, es an diesen Kriterien zu messen – und nicht an der Abwesenheit von Konkurrenz.
Die Aufgabe ist lösbar. Wer sie lösen will, fängt nicht mit Verboten an.
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Thomas Maximilian Lener ist Co-Founder & CEO von pflege network® – Österreichs erstes privates Franchisesystem in der freiberuflichen Pflege. Mit 15 Jahren Hintergrund bei der ÖGK verbindet er systemisches Insiderwissen mit unternehmerischer Praxis. Er schreibt über Gleichstellung, Systemstrategie und strukturelle Erneuerung im Gesundheitswesen.
Sozialministerium Österreich