17/08/2023
Mira Haid
Warum machst du bei diesem „Projekt“ mit?
Trauer' deinen Weg ist eine Weiterentwicklung vom Verein TrauErleben.
Damals war die Trauer- und Sterbebegleitung sehr im Fokus, jetzt kommt die Aufklärungsarbeit hinzu.
Seit 2004 bin ich eine verwaiste Mutter, böse Zungen könnten jetzt sagen: „Ist nicht einmal genug?!“
Darauf gibt es nur eine Antwort: „NEIN! So lange ich lebe, werde ich von meinem Sohn Finn erzählen.“
Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass es ein Leben danach gibt (welches lebenswert ist!). Wir dürfen überleben, ohne Schuldgefühle.
Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass mein Sohn Finn mich nicht mit leeren Händen zurück gelassen hat. Er hinterließ mir ein Geschenk, welches Liebe, Stärke und Mut beinhaltete.
So ein dramatisches Ereignis verändert vieles (vor allem in uns), Perspektiven verändern sich. Der Anfang des Trauerweges ist sehr kräftezehrend und perspektivlos.
Es hat sich einiges getan in den letzten Jahren, sowohl gesellschaftlich als auch rechtlich.
Dennoch ist meiner Meinung nach noch viel Aufklärungs- und Bewusstseinsarbeit nötig.
Gibt es bestimmte Erlebnisse die dir in Erinnerung geblieben sind?
Sehr viele. In Gesprächen mit Betroffenen merke ich, dass sich viel getan hat, aber Einiges noch klarer und fordernder ausgesprochen werden muss.
Hart in Erinnerung ist mir eine Ordinationsassistentin geblieben, die ein paar Tage nach dem Tod meines Sohnes, ihn als „Totgeburt“ bezeichnet hat. Sicher nicht aus Boshaftigkeit, aber es tat weh.
War mein Sohn keine Totgeburt, er hat gelebt.
Selbst wenn es so gewesen wäre, war ihr Verhalten respektlos.
In diesem Augenblick war ich wehrlos, überfordert und verletzt. Jetzt würde ich ihr wohl anders antworten.
Solche Erlebnisse gab es immer wieder (vor allem im professionellen Bereich).
Es gab aber auch positive.
Eine ehemalige Arbeitskollegin hat sich einfach so gemeldet, als sie es erfahren hat. Sie kam mich sogar besuchen. Sie war einfach da (mit ihrem Sohn).
Was würdest du dir wünschen?
Ich würde mir mehr Akzeptanz wünschen. Keiner der es nicht erlebt hat, kann auch nur erahnen, was der Tod des eigenen Kindes bedeutet.
Es sollte selbstverständlich sein, dass ich auch meine innere Dunkelheit zeigen darf. Von meinem Sohn voll Liebe aber auch voll Trauer und Schmerz erzählen kann, ohne be- oder verurteilt zu werden.
Ich wünsche mir, dass verwaiste Eltern selbstbewusster mit ihrem Verlust umgehen können.
Ein weiterer großer Wunsch wäre, dass Krankenhäuser Trauerbegleiterinnen (Betroffene) anbieten. In vielen Bereichen gibt es schon sogenannte „Ex in Begleiter“, also Betrofffene die Anderen in ähnlicher Situation weiterhelfen.
Es gibt zwar psychologische/seelsorgerische Betreuung, was an sich schon ein großer Erfolg und hilfreich ist!, aber ein weiterer Stützpfeiler, die Begleitung durch einen „Überlebenden“ wäre sicher ein Mehrgewinn.
Welchen Ansatz verfolgst du, was ist dir wichtig?
„Wir sind Vertriebene von der Insel der Seligen“, diesen Satz sage ich öfter.
Kinder sterben nicht vor den Eltern! Das ist falsch. Ein Paradoxon.
Plötzlich passiert es und man wird von der Insel der Seligen vertrieben.
„Unsere Kinder sind sterblich“
Dieses Bild habe ich im Kopf, mein Ansatz ist alle Gefühle als normal darzustellen. Schmerz, Wut, Zorn, Angst, Schuldgefühle und Unsicherheit haben ihre Berechtigung.
Anfangs sind wir keine ständigen Bewohner mehr der Insel, wir schippern mit unseren Booten um die Insel herum.
Mal mit mehr Abstand, mal mit weniger, mal in Gruppen, mal Allein….und irgendwann legen wir unser Boot an der Insel an, besuchen sie und bleiben auch wieder. Wir können wieder die Annehmlichkeiten genießen, Glück und Leichtigkeit verspüren. Und wenn uns die Insel zu laut ist, ziehen wir uns auf unser Boot zurück, rudern raus um wieder Ruhe und Kraft zu finden.
Mira@trauerdeinenweg.at