01/01/2026
Zum neuen Jahr
Lass dich bei deinem Namen rufen,
über die Gräben und Grenzen hinaus.
Lass dich heraufbeschwören
vom Vertrauen des Beginnenden,
vom neuen, unberührten Jahr,
das die Haut des Vergangenen abstreift.
Leg auch du das Vergangene ab.
Was du gefeiert und bedauert hast,
was du festgehalten und fortgewünscht hast,
liegt hinter dir.
Lass dich daran erinnern, wie es ist,
dem Tag mit offenem Herzen zu begegnen,
jeder Verletzung und jeder Furcht zum Trotz.
Immer neu fließt dir ein ganzer Kosmos entgegen
aus dem Mittagslicht über der Kastanie,
aus den blauen Augen des Eichelhähers
und aus dem Glück,
einen Zweifel überwunden zu haben.
Bedauere dich nicht
und auch nicht die Menschen,
die schmerzlichere Wege beschreiten als du.
In dir fließt wie in allem
der klare Strom des Mitgefühls,
und es genügt, sich ihm nicht in den Weg
zu stellen.
Gib dich zu erkennen.
In jeder Begegnung wage es ein wenig mehr,
du selbst zu sein.
Du selbst,
ein wurzelndes Geheimnis,
ein Lied aus dem fliehenden Klang der Zeit,
eine Liebe, die sich erinnert.
Halte dem Regen deine Hände hin.
An jeder Kreuzung danke deinen Möglichkeiten,
und bitte jeden Fels um Rat,
dem du zum zweiten Mal begegnest.
Nimm dir die Freiheit,
frei von dir zu sein,
wann immer du die Weite einer Frage spürst,
die größer ist als du.
Lass dich beschenken.
Und schenke diesem neuen Jahr
dein schöpferisches Träumen,
das am dunklen Grund des Winters,
im wogenden Gold des Sommers
und im Herzschlag aller Zwischenräume
zu Hause ist.
(aus: 📖 Giannina Wedde "In winterweißer Stille - Ein Begleiter durch die dunkle Jahreszeit", Vier Türme 5. Auflage 2024, überall im Buchhandel und hier: www.klanggebet-shop.de )
Bild/Art: Elena Dinissuk