04/03/2026
Wir diskutieren viel dieser Tage.
Der „böse“ Fuchs. Der „böse“ Wolf. Der „böse“ Biber. Die „ekligen“ Ratten.
Und der Waschbär und die Wildschweine in den Städten sind sowieso „böser als böse“.
Unsere Timeline ist voll davon. Empörung. Schlagzeilen. Forderungen. Immer gibt es einen Sündenbock. Und meistens hat dieser vier Pfoten. Ein Tier, das „zu viel“ ist.
Zu laut. Zu hungrig. Zu erfolgreich im Überleben.
Und dann ist da Karla.
Karla ist heute bei uns angekommen. Ein Igelmädchen, gerade mal 204 Gramm schwer. Sie ist nicht „zu viel“. Sie ist fast gar nicht mehr da. Bis auf die Knochen abgemagert, ein halbtotes Bündel Elend.
Karla ist die Kehrseite der Medaille, über die niemand spricht. Während wir uns über die Arten empören, die „stören“, schweigen wir über die, die still verschwinden.
Interessanterweise liest man nur selten über uns Zweibeiner etwas.
Über die Art, die Wälder rodet. Die Flächen versiegelt. Die Straßen durch Lebensräume zieht. Die Gärten steril aufräumt.
Die nachts Maschinen laufen lässt. Die Gifte wie Bonbons verteilt.
Karla ist das Ergebnis dieser Fragmentierung.
Wir nennen Wildtiere einfach „Probleme“, wenn sie sich anpassen, wie der Waschbär oder der Fuchs. Aber was ist mit denen, die sich nicht mehr anpassen können? Die in unseren aufgeräumten, vergifteten Welten schlicht verhungern?
Der Fuchs frisst, weil er fressen muss. Der Wolf jagt, weil er jagen muss. Ratten und Waschbären überleben, weil sie sich noch anpassen können. Wildschweine kommen unter die Menschen, weil auch ihr natürliches Revier sie nicht mehr satt macht.
Und Karla? Karla stirbt, weil sie nichts mehr findet. Und sich nicht mehr anpassen kann.
Und wir?
Wir diskutieren über das Bejagen.
Aber selten über Verantwortung.
Wir verschweigen, wie viele Arten still verschwinden. Wir reden nicht über die, die nicht überleben. Sich nicht anpassen können. Ohne Schlagzeile. Ohne Empörung. Ohne Debatte.
Wir reden nicht darüber, wie viele Ehrenamtliche, wie viel Geld und wie viele gebrochene Herzen es inzwischen braucht, um das aufzufangen, was wir verursachen.
Es wird abgetan als Quittung für unseren Lebensstil.
Wildtiere sind keine Feinde.
Sie sind ein Spiegel.
Und wenn wir in diesen Spiegel schauen und eine 204 Gramm schwere, verhungerte Karla sehen, müssen wir uns ehrlich fragen:
Wer ist hier eigentlich das Problem?
Nicht, um Schuld zu verteilen.
Sondern um endlich Verantwortung zu übernehmen.
Karla, unsere 27/26
Fundort Ahrensfelde