21/04/2026
Dieses Bild ist 14 Jahre alt.
Aufgenommen an dem Tag, an dem mein erstes Kind hätte auf die Welt kommen sollen.
Und nicht kam.
Ich war alleine im Tessin geschäftlich unterwegs.
Die ersten warmen Frühlingstage. Ich erinnere mich, wie die sanften Sonnenstrahlen auf meiner Haut mir Wärme schenkten.
Wie alles um mich herum nach Leben roch.
Und wie leise und unlebendig es in mir drin war.
Ich schaue mich auf diesem Selfie an und denke: Sie lächelt tatsächlich. Niemand würde ahnen, was dieser Tag für sie bedeutete.
Am Abend bin ich hochgestiegen. Zu dieser Kirche auf dem Felsen. Madonna del Sasso.
Ich bin alles andere als ein religiöser Mensch. Ich weiss bis heute nicht, warum es mich an diesen Ort zog.
Vielleicht, weil ich nicht mehr wusste, wohin mit mir. Vielleicht, weil ich einfach nur dem Rummel entfliehen wollte.
Drinnen: Kerzen. Der Geruch von Wachs und altem Stein. Und an den Wänden hunderte silberne Herzen.
Hinterlassen von dankbaren Menschen, denen ein Wunder geschehen war und dieses Mutter Maria zuschrieben.
Ich sass in einer Bank und schaute diese Herzen an. Eines nach dem anderen.
Und dann kam die Welle.
Tränen, die ich nie geweint hatte.
Tränen für ein Kind, das nie geatmet hat. Für eine Mutter, die ich nie werden durfte.
Für eine Version meines Lebens, die an diesem Tag hätte beginnen sollen — und nicht begann.
Ich konnte die Wunder der anderen spüren. Und gleichzeitig: Für mich gab es keines.
Ich sass eine Stunde dort. Heulend. Schluchzend. Wütend. Und irgendwo zwischen den Tränen wusste ich: So kann und will ich nicht mehr weiter leben.
Heute, 14 Jahre später, sitze ich im Gedanken neben dieser Tanja. Auf der gleichen Bank. Als die Frau, die ich jetzt bin.
Sie würde mich ungläubig anschauen, wenn ich ihr erzählen würde, was kommt. All das hat in ihrem Verstand noch keinen Platz.
Und trotzdem ist sie es, die das alles möglich macht. Genau in diesem Moment. Auf dieser Bank. Mit diesen Tränen. Mit all dem Schmerz und der Ohnmacht.
Ich bin so stolz auf sie.
Weil sie sich hingesetzt hat und ihrem Schmerz Raum gegeben hat.
Weil sie Platz gemacht hat. Für etwas, das sie sich nicht einmal zu träumen wagte.