24/10/2019
EINE LEGENDE DER GUARANÍ
Der Legende nach gab es eines Tages ein großes Feuer im Wald. Alle Tiere flohen entsetzt, denn es war ein schreckliches Feuer.
Plötzlich sah der Jaguar, wie der Kolibri über seinen Kopf hinwegflog ... in die entgegengesetzte Richtung, sprich in Richtung Feuer. Das war sehr seltsam, doch er hielt nicht an. Kurz darauf flog er wieder vorbei, diesmal in die gleiche Richtung. Der Jaguar beobachtete das Hin und Her bis er beschloss, den kleinen Vogel zu fragen, da ihm das alles sehr merkwürdig vorkam.
Was machst du Kolibri? fragte er.
Ich gehe zum See - antwortete er - ich nehme Wasser mit meinem Schnabel auf und bringe es zum Feuer, um es zu löschen.
Der Jaguar lachte.
Bist du verrückt? - sagte er. Glaubst du echt, du kannst das alleine mit deinem kleinen Schnabel schaffen?
Nein - antwortete der Kolibri - ich weiß, dass ich das nicht kann. Aber dieser Wald ist meine Heimat. Er nährt mich, schützt mich und meine Familie und dafür bin ich ihm dankbar. Und ich helfe ihm beim Wachsen, indem ich seine Blumen bestäube. Ich bin ein Teil von ihm und er ist ein Teil von mir. Ich weiß, dass ich das Feuer alleine nicht löschen kann, aber ich muss meinen Teil tun.
In diesem Moment wurden die Geister des Waldes, die dem Kolibri lauschten, von dem kleinen Vogel und seiner Hingabe an den Wald tief berührt. Und auf wundersame Weise sandten sie einen Regensturm, der das Feuer auslöschte.
Indianische Großmütter erzählten ihren Enkeln diese Geschichte und sagten zum Schluss:
„Möchtest du Wunder in dein Leben locken? Dann tu deinen Teil!"
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Foto dank Carlos Mauricio Lima - Fotografía