15/04/2026
Der Wert der Geduld
Du musst was machen!
Du musst dich bewegen!
Du musst handeln!
Du musst das oder dich jetzt ändern!
Das muss jetzt funktionieren!
Das muss schnell besser werden!
Wer sagt das?
Ist das so?
Manchmal geraten wir in Situationen, in denen wir ausgebremst werden. Wir geraten in Situationen, die uns missfallen, weil sie nicht so sind, wie wir das gerne hätten. Wir geraten in Situationen, in denen wir keine Lösungen finden und keine Entscheidung fällen können. Wir geraten in Situationen, in denen wir einfach nicht weiterwissen. Wir geraten in Situationen, inden wir denken: Ich kann nicht mehr. Wir geraten in Situationen, in denen uns die Hände gebunden sind. Wir erleben Verluste und die Trauer nimmt kein Ende. Wir haben psychische Probleme, und sie gehen nicht weg. Und alles, was wir gerade tun können, ist: sit and wait. Und das mögen die meisten Menschen gar nicht.
Das muss funktionieren, das muss alles schnell wieder gut sein. Das muss schnell heilen. Wir müssen funktionieren, stabil sein, "normal" sein und am besten ASAP.
Nur funktioniert das nicht. Manches braucht Zeit und unendlich viel Geduld.
Besonders das, was über Jahrzehnte besteht, verändert sich nicht in Wochen oder Monaten. Es braucht Jahre und manchmal ein ganzes Leben, in dem wir jeden Tag üben, üben, üben, damit umgehen müssen und damit leben müssen, so gut wir können.
Manchmal ist den Tag zu überleben schon ein Sieg.
Aber wir sind ungeduldig, oder die Menschen, die mit uns zu tun haben, werden ungeduldig. Und wir bekommen Schuldgefühle, wir schämen uns, machen uns runter, weil wir nicht funktionieren, weil wir immer noch ungelöste Traumata haben, Wunden, Ängste, Zwänge, Depressionen und weil wenig bis nichts wirklich so wird, wie es in unseren Vorstellungen oder den Vorstellungen anderer zu sein hat.
Wir machen uns Druck, man macht uns Druck, und das steigert den Druck. Und vor lauter Druck von innen und außen wird es noch unguter.
Manchmal aber braucht es Geduld, eine Engelsgeduld.
Nur leider ist das in unserer rastlosen, schnelllebigen Zeit für viele keine Option. Wir denken, wir vergeuden sinnlos Zeit, wenn es nicht schnell genug klappt mit dem, was doch zu klappen hat, meinen wir, und damit sind wir auf dem Holzweg.
Es gibt keine vergeudete, sinnlose Zeit.
Kann man Zeit vergeuden?
Kann Zeit sinnlos sein, wenn wir nicht haben, was wir meinen zu brauchen? Nicht sind wie wir meinen sein zu müssen? Nicht sind, wie wir gerne wären oder andere uns gerne hätten?
Nein wir warten nicht gerne ab , wir wollen nicht warten, wir wollen wie ein Kind alles was wir haben oder sein wollen, bitte sofort und am Besten noch ohne Anstrengugen machen zu müssen.
Aber - ist Warten immer ein Warten auf Godot?
Ist Warten falsch?
Gibt es nur entweder oder?
Oder gibt es ein Dazwischen – eine Zeit des Wartens, die durchaus sinnvoll sein kann?
Sind im Warten nicht auch Möglichkeiten verborgen, nämlich die Zeit des Wartens und was sie beinhaltet, zu entdecken, zu nutzen und zu gestalten?
Warten, wie auch immer wir es für uns definieren mögen, beinhaltet Geduld.
Geduld ist eine Tugend und eine Fähigkeit.
Geduld ist ein Zeichen von Stärke und Zähigkeit.
Geduld ist ein innerer Zustand, der von äußeren Umständen unabhängig ist.
Geduld beinhaltet das Erkennen, dass nicht die Situation, sondern meine Einstellung und meine Erwartung das Problem ist.
Geduld ist die Fähigkeit, innere Spannung anzunehmen, ohne mich dabei zu verspannen.
Geduld ist eine Übung im Durchhalten.
Geduld ist Gelassenheit.
Geduld kann warten und Wünsche zurückstellen.
Geduld sagt Ja zu dem, was ist, im Wissen, dass nichts bleibt, wie es ist.
Geduld erträgt Mühen und kann Schmerz aushalten.
Geduld kann Rückschläge einstecken, dranbleiben, durchhalten. Geduld erinnert uns daran, dass die Dinge Zeit und Hingabe benötigen, um sich zu entwickeln.
Geduld kann auch schwere Gefühle annehmen und sagen: Es ist jetzt, wie es ist. Es ist okay.
Geduld kann Impulse kontrollieren, sie treibt sich nicht an.
Geduld hat gelernt, sich nicht unter Stress zu setzen, um alles sofort haben oder schaffen zu müssen.
Geduld kann zuwarten und abwarten.
Geduld weiß um den Wert von kleinen Schritten, Erfolgen und Teilzielen.
Geduld verschwendet keine Energie an Unrast und Eile.
Geduld übt, wieder und wieder.
Geduld kennt den Wert von Entschleunigung und Stille.
Geduld weiß um den Sinn von Achtsamkeit und Präsenz im Moment.
Geduld steuert nicht auf das ferne Endziel, sondern agiert aufmerksam im Hier & Jetzt.
Geduld weiß um den Prozess der Dinge.
Geduld hat Vertrauen in den Prozess.
Geduld starrt nicht auf das Ziel.
Geduld weiß: Der Weg ist das Ziel.
"Wer Geduld sagt, sagt Mut, Ausdauer, Kraft."
- Marie von Ebner-Eschenbach
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de