05/02/2026
Nachruf auf Rita Süssmuth (1937–2023)
Mit Rita Süssmuth verliert Deutschland eine Politikerin, die wie nur wenige für die Fähigkeit zur Wandlung stand – und für den Mut, diese Wandlung gegen Widerstände durchzuhalten. Als konservative katholische CDU-Frau gestartet, entwickelte sie sich zu einer der prägendsten Stimmen einer Humanpolitik, die den Menschen über Parteigrenzen, Moralismen und ideologische Reflexe stellte.
Süssmuths politischer Weg war kein geradliniger. In den frühen Jahren fest in den Wertvorstellungen des katholischen Milieus der CDU verankert, begann sich ihr Denken insbesondere Mitte der 1980er Jahre spürbar zu verändern. Diese Wendung hin zu einer menschenrechtsorientierten, pragmatischen Politik zeigte sich besonders deutlich in ihrem Umgang mit den Herausforderungen der Aids-Krise. Während Angst, Ausgrenzung und repressives Denken weite Teile der politischen Debatte bestimmten – noch bevor Politiker wie Peter Gauweiler auf Abschreckung und Zwang setzten –, suchte Süssmuth den Dialog mit Wissenschaft, Zivilgesellschaft und den unmittelbar Betroffenen.
Rita Süssmuth erkannte früh, dass eine erfolgreiche Aids-Politik ohne die Einbindung der Communitys nicht möglich war. Sie hörte zu, ließ sich irritieren und korrigieren und nahm die Erfahrungen derjenigen ernst, die täglich mit Ausgrenzung, Krankheit und Verlust konfrontiert waren. Damit trug sie wesentlich dazu bei, Prävention, Aufklärung und Solidarität politisch zu legitimieren – und staatliche Gesundheitspolitik von reiner Ordnungspolitik zu emanzipieren.
Als Bundesgesundheitsministerin und später als Bundestagspräsidentin verkörperte Rita Süssmuth eine Haltung, die als altmodisch aufgefasst werden kann - aber mehr denn je aktuell gebraucht wird: die Bereitschaft, die eigene Position zu verändern, wenn die Realität es verlangt. Ihre Humanpolitik war nicht laut, aber wirksam. Sie stellte sich schützend vor Minderheiten, ohne sich anzubiedern, und verteidigte Aufklärung gegen populistische Vereinfachung. Genau dies verdeutlichte sie anlässlich Künstler gegen Aids – Die Gala der Berliner Aids-Hilfe e.V. im Jahr 2016 in ihrer Laudatio auf Anne Momper, die sich ihrerseits auf dem Höhepunkt der Aids-Krise mit den Betroffenen solidarisierte und so gesellschaftlich viel zum Positiven verändert konnte.
Rita Süssmuth bleibt in Erinnerung als eine Politikerin, die gelernt hat – und das Gelernte in Verantwortung übersetzt hat. Ihr Vermächtnis lebt dort fort, wo Politik den Menschen nicht erzieht, sondern schützt, stärkt und ernst nimmt. Besonders in der bundesdeutschen Geschichte der Aids-Krise hat sie unendlich viel Gutes bewirkt und sich einen bleibenden Platz als leuchtendes Vorbild erworben und ist zum Denkmal geworden.
Foto: DAVIDS/Sven Darmer