16/06/2021
Ganzheitliche Betrachtung von Sehstörungen
Interpretation des Artikels von Katja Schmid und Dr. Dr. med. Dent. Alexandra Bodemann-Peschke: Lesen ist doof! - Sehstörungen sollten ganzheitlich betrachtet werden, co.med, 03/2021
„Ich will nicht Ballspielen!“ - „Lesen ist doof!“
Vermeidungsverhalten, Aggressivität und Frustration bzw. Lern- und Entwicklungsstörungen können auch durch schlechtes Sehen entstehen.
Funktionelle Optometristen können unterstützen, damit Kinder erst gar nicht in dieses Vermeidungsverhalten geraten, können.
Das Sehen ist nicht angeboren, sondern muss erst erlernt werden, ähnlich wie das Gehen oder das Erlernen der Grob- und Feinmotorik.
Wichtig ist bei dieser Entwicklung, dass beide Augen sich gleich ausrichten, fixieren und sich scharf stellen (fokussieren). Erst dann können visuelle Informationen optimal genutzt werden.
Um den Zusammenhang zwischen verschiedenen Auffälligkeiten und der visuellen Wahrnehmung zu analysieren, braucht man mehr, als nur eine augenärztliche Untersuchung und Sehschärfenbestimmung.
Zum Bild:
Beispiel für eine mögliche Augenmuskelfehlstellung (verdecktes Schielen):
Die Augen erscheinen unterschiedlich groß und in der Höhe versetzt
Der Augenwinkel ist links deutlich größer als rechts
Das rechte Auge blickt in eine andere Richtung, als das Linke
Die Pupillen sind bei Raumlicht auffällig groß oder zu klein
Zusätzlich könnte man noch feststellen:
Der Kopf ist immer leicht geneigt und/oder verdreht
Beim Schreiben liegt das Blatt meist bewusst schief
„Sitz gerade“ ist ein Standardspruch der Eltern
Lesen fällt schwer und/oder macht keinen Spass
Das Kind klagt regelmäßig über Kopfschmerzen in bzw. nach der Schule
Das Kind ist ein „Zappelphillip“ und kann sich sehr schlecht konzentrieren
Das Kind schaukelt und/oder balanciert nicht gerne
Das Kind empfindet Übelkeit beim Autofahren
Das Kind ist wenig geschickt beim Puzzlen
Das Kind ist unsicher und ängstlich beim Fangen von Bällen
Osteopathie und Optometrie geht hierbei Hand in Hand. Die Osteopathie untersucht die verschiedenen knöchernen Verbindungen der Augenhöhle, und u.a. Bereiche um die Augenmuskeln und -nerven.
Die Optometrie betrachtet die Sehschärfe, aber v.a. den komplizierten, unbewussten Sehablauf, der zu einer sauberen Bildverarbeitung und korrektem Sehen führt.
Bei Kindern aufgepasst!
Kinder mit gestörter Sehentwicklung können quasi „nicht mit den Augen sehen“, sie müssen für sich alles anfassen, damit sie die Dinge „Be-greifen“, welche die Augen nicht „greifen“.
Erzieherinnen fällt häufig auf, dass ein Kind Schwierigkeiten mit der Körperbeherrschung hat, sich oft stößt, leicht Dinge umschubst (ungeschickt) und die Feinmotorik (z.B. Ausmalen, Ausschneiden) auffällig ist.
Andere Kinder fallen auf, weil ihre Grobmotorik ungeschickt ist, z.B.:
Radfahren
Treppensteigen
Ballspielen
Die Beschwerden äußern sich bei Kindern (bis ca. 4 Jahre) über Bauchschmerzen.
Ältere Kinder klagen über Kopfschmerzen, Augenbrennen, sie blinzeln sehr viel, sind lichtempfindlich, spüren Schwindel oder es wird ihnen beim Autofahren übel.
Eine funktionelle Sehanalyse wäre deswegen auch bei Kindern mit Entwicklungsverzögerungen, Lese-Rechtschreibschwäche, AD(H)S, Hochbegabung, mit motorischen Defiziten oder Lernproblemen sinnvoll.
Die Osteopathie kann vorhandene Spannungszustände lösen, um eine harmonische Entwicklung der Schädelknochen zu fördern und die Funktion der (Augen-)Muskulatur zu verbessern.
Der Funktionaloptometrist macht mit dem Kind motorische (z.B. Schreib- und Sitzhaltung), visualmotorische (z.B. Augenbewegungskontrolle, Koordination beider Augen und deren genaue Ausrichtung), visualtechnische (z.B. schwachsehende oder schielende Augen werden aktiviert) Übungen und Übungen zur Verbesserung der Wahrnehmung (z.B. räumliche Wahrnehmeung, Reaktionsgeschwindigkeit).
Viele Fehlentwicklungen können durch ein gezieltes Visualtraining vermindert oder auch ganz behoben werden. Andere Kinder benötigen zusätzlich eine Brille.
In der Pubertät wird das Wachstum der Augen meist beendet. Eine veränderte Körperstatik kann weitreichende Folgen für die körperliche Entwicklung der Haltung mit sich bringen.
Eine weitere Problematik stellt eine drohende kieferorthopädische Therapie dar. Osteopathie sollte auch da begleiten. Denn welche Referenzebene kann der Kieferorthopäde nutzen, wenn der Kopf schief gehalten wird? Eine saubere Einstellung des Gesichts bzw. Schädels und der Bi-Pupillarlinie parallel zum Boden (beide Augen schauen zum Boden), sowie einer korrekten Körperhaltung ist hierbei essentiell.
Deswegen ist eine ausführliche Untersuchung des visuellen Sehens im Zusammenhang mit der Körperhaltung, Zahn- und Kieferproblemen ratsam.