12/12/2025
Trauma ist mehr als das Ereignis
Trauma ist nicht nur das, was einmal geschehen ist. Vor allem, wenn es sich um ein Entwicklungstrauma handelt, wirkt es weit über das ursprüngliche Geschehen hinaus. Es prägt sich in unsere Identität ein und zeigt sich an der Oberfläche in dem, wie wir uns selbst erleben und wie andere uns wahrnehmen.
Viele Menschen verstehen Trauma oft nur als das einzelne, schockierende Ereignis – einen Unfall, eine Katastrophe, eine Gewalterfahrung. Doch die tiefere Wahrheit ist, dass Trauma ebenso in den stillen, wiederkehrenden Erfahrungen entsteht, die uns über Jahre prägen und unsere Entwicklung beeinflussen.
Oft begegnen wir Menschen, die stark wirken, die sich selbst als belastbar, kontrolliert oder unerschütterlich beschreiben. Doch diese Stärke ist nicht immer nur Ausdruck von innerem Halt, sondern häufig auch eine Form der Kompensation. Sie ist ein Bewältigungsanteil, der entstanden ist, um mit dem Schmerz und der Unsicherheit des Traumas leben zu können. Anpassung, Perfektionismus, das ständige Vorangehen – all das kann zu einem Schutzmantel werden, der uns nach außen sicher erscheinen lässt, während im Inneren die verletzlichen Anteile verborgen bleiben.
Sätze wie „so bin ich eben“ dürfen dabei durchaus hinterfragt werden. Denn oft sind sie nicht Ausdruck unseres wahren Wesens, sondern Spiegel jener Bewältigungsstrategien, die einst überlebenswichtig waren. In der Kindheit, in der wir abhängig von Eltern oder Lehrern waren, hatten diese Anteile ihren Sinn und Nutzen. Sie haben uns geschützt und unser Überleben gesichert. Doch im Erwachsenenalter verwandeln sie sich häufig in Gedanken, Verhaltensweisen und Emotionen, die uns in Mustern festhalten, die unserer Essenz nicht mehr dienen. Was einst notwendig war, kann heute destruktiv wirken – es hindert uns an unserem Glück, an unserer Gesundheit und an der freien Entfaltung unseres wahren Selbst.
Spirituell betrachtet zeigt uns das Trauma, wie sehr wir uns von unserer Essenz entfernen können, wenn wir uns ausschließlich mit diesen Bewältigungsanteilen identifizieren. Die Aufgabe liegt darin, zu erkennen, dass die scheinbare Stärke nicht unser wahres Selbst ist, sondern eine Überlebensform. Erst wenn wir beginnen, die darunterliegenden Gefühle wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben, können wir uns wieder mit unserem Herzen verbinden.
Der Weg der Heilung bedeutet, die Identifikation mit dem Trauma zu lösen und die eigene Essenz zurückzuerobern. Es ist ein Prozess des Erinnerns: Wir sind nicht nur das, was uns widerfahren ist, und wir sind nicht nur die Muster, die daraus entstanden sind. Wir sind mehr – wir sind Wesen mit einer Seele, die jenseits von Anpassung und Perfektion ihre Wahrheit kennt.
Wenn wir den Mut finden, hinter die Fassade der Stärke zu schauen und die alten Bewältigungsanteile liebevoll zu entlarven, entsteht ein neuer Raum. Ein Raum, in dem Verletzlichkeit nicht Schwäche bedeutet, sondern der Schlüssel zu echter Verbindung und innerer Freiheit ist.
Aylin