30/12/2025
Die Frau, die zwischen den Welten saß
Die Schamanin von Bad Dürrenberg
Kinder des Nebels, dies ist keine Legende, keine alte Sage. Dies ist eine Erinnerung, an eine Frau die vor über 9000 Jahren lebte und wirkte. So setzt euch nieder und lauscht den Worten der alten Zeit.
Lange, ehe Namen geschrieben wurden und lange, ehe die Menschen lernten, die Götter zu zählen,
lebte am Salzquell der Saale eine Frau, deren wahre Bezeichnung kein Laut der heutigen Zunge fassen kann.
Die Menschen nannten sie nicht Schamanin. Sie nannten sie die Sitzende, denn sie saß dort, wo andere standen und sie stand dort, wo andere längst gefallen wären. Ihr Haar trug die Farbe des Wintergrases, ihre Augen spiegelten Wasser, das sich an Dinge erinnert, die nie ausgesprochen wurden.
Wenn sie sprach, senkten sich die Vögel. Wenn sie schwieg, hörte die Erde zu. Sie kannte den Weg
zwischen dem Atem der Lebenden und dem Flüstern der Toten.
Eines Tages brachte man ihr ein Kind, noch ohne Namen, noch ohne Bindung an diese Welt. Es war nicht aus ihrem Leib geboren, doch aus ihrem Schicksal. Sie nahm es auf ihren Schoß und setzte sich an den Rand der Quelle, wo Salz und Wasser einander nicht trennen konnten.
Dort sang sie nicht, sie erinnerte. Und während sie erinnerte, fand das Kind seinen Platz im Geflecht der Welt, so wie ein Stern seinen Ort am Himmel findet,
ohne gefragt zu werden. Denn dies war ihre Gabe:
Sie band Seelen an den richtigen Faden, damit sie nicht verloren gingen.
Als ihr eigener Atem schwächer wurde, gruben die Menschen keine Grube für eine Tote. Sie schufen einen Sitzplatz für eine Wächterin. Man setzte sie aufrecht in die Erde, das Kind noch immer auf ihrem Schoß und schmückte sie mit Geweih und Federn,
mit Zähnen und Zeichen der Tiere, die zwischen Himmel und Boden wandern. Nicht um sie zu ehren,
sondern um sie zu erkennen, falls sie je zurückkehren müsste. Denn sie war nicht fort. Sie war nur tiefer gegangen.
Viele Winter später legten Menschen erneut Gaben an ihrem Ort nieder, denn sie spürten es:
Der Platz war nicht leer.
Noch heute, wenn Nebel über die Saale steigt und das Salz in der Luft liegt wie ein unausgesprochener Gedanke, sitzt sie dort. Nicht aus Fleisch, sondern aus Erinnerung.
Sie wacht über Übergänge:
zwischen Kindheit und Erwachen, zwischen Leben und Abschied, zwischen dem, was wir vergessen haben und dem, was uns nie vergessen hat.
So merke dir, Kind des Nebels:
Nicht alle Legenden sind erfunden. Manche sind ausgegraben worden, weil die Zeit selbst beschlossen hat, dass wir wieder zuhören sollen.
Mögen die Gottheiten stets über euch wachen!