25/05/2023
Frau H. ist tot.
Frau H. hat die letzten Jahre ihres Lebens in unserer Senioren-Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz verbracht. Vergangene Woche kam sie ins Krankenhaus und verstarb dort fünf Tage später.
Frau H. wurde 95 Jahre alt und dennoch kam ihr Tod überraschend.
Als Pflegedienst sind wir es mittlerweile gewohnt, keinerlei Auskünfte zu unseren Patient*innen zu bekommen, deren Datenschutz juristisch höher wiegt als unser Bedürfnis nach Information und Kontakt zu ihnen im Krankenhaus.
Frau H.s Tod war ein einsamer Tod. Niemand war bei ihr, nicht einmal ihre Kinder, die vom Krankenhaus nicht benachrichtigt wurden. Weder darüber, dass sie im Sterben liegt, noch darüber, dass sie nach fünf Tagen gestorben ist.
Die diensthabende Krankenpflege-Fachkraft teilte der Tochter mit, dass die Station aufgrund personeller Engpässe sich nicht in der Lage sah, die Familie über den Tod zu informieren. Nicht am Tag des Todes, nicht einen Tag danach und auch nicht am zweiten und dritten Tag nach dem Tod.
Der 12. Mai ist traditionell der internationale Tag der Pflege.
Wäre ich befugt, ihn umzuändern, würde ich ihn umbenennen in den Tag des Pflege-Kollaps.
Wir befinden uns schon längst als Gesellschaft in der Dysfunktionalität. Wenn sich bei mir in Hemmingen zwei Busfahrer*innen krank melden, fährt der Bus nicht. Es gibt keinen Personal-Ersatz mehr, der einspringt. Der Bus fährt dann schlicht nicht mehr, mit der Folge, dass unser 17-jähriges ukrainisches Teenager-Mädel nicht in die Schule kommt.
Behörden, Restaurants, Bäcker, Dienstleister: alle haben schon lange ihre Öffnungszeiten angepasst, also reduziert.
Behörden, Restaurants, Bäcker, Dienstleister können ihre Zeiten anpassen, davon werden wir nicht sterben. Auch der Bus kann ausfallen, der Unterricht in der Schule fällt ja ebenfalls oft aus und somit verpasst das Teenager-Mädel vielleicht nicht allzu viel.
Aber der Kollaps in der Pflege hat heute schon furchtbare Folgen für uns alle.
Frau H. ist allein gestorben. Ihre Kinder, ihre Pflegekräfte, ihre Freunde -niemand wurde informiert. Das ist kein Einzelfall, und es wird kein Einzelfall bleiben. Für Frau H. war es ein einsames Sterben, für uns als Gesellschaft ist es eine Katastrophe, die schon längst da ist.