14/04/2026
Ein Name für deinen Schmerz hilft.
Bis er anfängt, dich zu ersetzen.
Vor etwa einem Jahr saß eine Frau vor mir. Mitte 40, Lehrerin, seit Jahren wegen Depression in Behandlung. Die Diagnose hatte sie auf dem Handy gespeichert – in einer Notiz mit dem Titel „Meine Krankheit". Sie hörte Podcasts über die Diagnose. Las Bücher über die Diagnose. Und richtete ihr Leben um die Diagnose herum aus.
Ich fragte sie: „Wer waren Sie, bevor Sie depressiv waren?"
Sie sah mich an, als hätte ich ihr eine Frage gestellt, die keine Antwort haben kann.
Lange Pause. Dann: „Ich weiß es nicht mehr."
In diesem Moment wurde mir etwas klar, das ich nicht mehr vergessen habe: Die Depression war nicht ihr Problem. Die Depression war ihre Identität geworden.
In der Psychotherapie passiert etwas, über das wir selten sprechen. Wir geben Menschen eine ICD-10-Nummer – und von da an organisiert sich alles um diese Nummer. Die Therapeutin sieht sie. Die Krankenkasse sieht sie. Und der Mensch selbst sieht sie. Jeden Tag.
Irgendwann sieht niemand mehr den Menschen dahinter.
Aus „Ich fühle mich leer" wird „Ich habe eine Depression".
Aus „Ich habe eine Depression" wird „Ich bin depressiv."
So still. So schleichend. Und so folgenreich.
Die Forschung zeigt: Diagnosen können das Selbstbild tiefgreifend verändern. Labels formen Erwartungen – und Erwartungen formen, wie wir fühlen, denken und unser Leben gestalten. Sie werden zur Brille, durch die wir uns selbst betrachten.
Diagnosen sind wichtig. Sie sind Orientierung, Sprache, manchmal Erleichterung. Aber ein Werkzeug, das den Menschen ersetzt, wird zum Gefängnis.
Was ich aufgehört habe zu tun: Eine Diagnose zu behandeln.
Was ich stattdessen tue: Den ganzen Menschen anschauen, der vor mir sitzt.
Denn kein Mensch ist nur sein Verstand. Kein Mensch ist nur seine Gedanken, nur seine Symptome, nur seine Geschichte. Wir sind Körper, der sich erinnert. Seele, die Antworten sucht. Energie, die ins Stocken geraten ist. Und Geist, der wieder Richtung finden will.
Wenn ich mit jemandem arbeite, frage ich nicht nur: Was haben Sie?
Ich frage: Wie fühlt sich Ihr Körper an? Was trägt Ihre Seele schon viel zu lange? Wo hat Ihr Leben seinen Rhythmus verloren? Was hat sich verändert, seit jemand Ihrem Schmerz einen Namen gegeben hat?
Und dann die Frage, die alles verändert: Hilft Ihnen diese Diagnose, gesund zu werden? Oder hält sie Sie genau dort fest, wo Sie nicht mehr sein wollen?
In meiner Praxis „Du bist Energie" begleite ich Menschen auf allen Ebenen – nicht nur dort, wo der Schmerz sichtbar ist, sondern auch dort, wo er seinen Ursprung hat.
Weil Heilung nicht nur im Kopf stattfindet. Sie findet statt, wenn Körper, Seele, Geist und die feineren Energien eines Menschen wieder in Kontakt kommen – miteinander und mit dem, was diesen Menschen im Innersten ausmacht.
Die Lehrerin von damals? Sie ist heute wieder bei sich. Nicht weil wir eine präzisere Diagnose gefunden haben. Sondern weil sie gelernt hat, sich von der alten zu lösen – und sich selbst neu zu begegnen.
Sie hat die Notiz auf ihrem Handy gelöscht. Die, die „Meine Krankheit" hieß.
Stattdessen hat sie eine neue angelegt. Sie heißt: „Was mir guttut."
Manchmal beginnt Heilung genau dort.
Mit dem Mut, ein Label loszulassen – und den ganzen Menschen wiederzufinden.
Birgit Markowski
Heilpraktikerin für Psychotherapie