18/02/2026
Ach… was soll der sterbenden Oma der Glitzer noch schaden?
Gestern: Ich erhalte einen Anruf vom Palliativdienst, Jenny ist am Telefon. Sie erzählt, dass in einer Familie die Oma stirbt, sie wird nun nur noch palliativ behandelt, um auf dem Weg zum Sterben keine Schmerzen leiden zu müssen.
Es gibt 2 Kinder in der Familie, sie sind 5 und 7 Jahre alt.
Der Opa ist schon vor einiger Zeit gestorben, nun auch die Oma.
Die Großeltern und die Eltern sind gehörlos, die beiden Kinder können sprechen. Ihre Muttersprache ist die Gebärdensprache, das erste Wort von James war mit 8 Monaten in der Gebärdensprache „Lampe“.
Als Anna und ich in der Familie ankommen, spüren wir Lebendigkeit, Wärme, Dankbarkeit und Traurigkeit im Wohnzimmer, in dem das Pflegebett der Oma steht.
Der Arzt, Jenny, die Gebärdendolmetscherin Elli, die gleichzeitig Patentante der Kinder ist, die Mutter, die Oma und James sind mit Anna und mir im Raum.
„Ganz schön viel Leute“, sagt James und blickt von seinem Legohaus auf dem Fußboden auf. „Das stimmt“, sagt Anna und setzt sich neben ihn auf den Boden. Sofort bezieht James sie ins Spiel mit ein, 10 Minuten später verschwinden die beiden ins obere Stockwerk, wo die Kinderzimmer sind. Ich schaue, frage und erkläre ein bisschen.
Während die 5-jährige Mila aus der Kita abgeholt, erklärt der Arzt im Wohn-/Krankenzimmer in aller Ruhe und mit verständlichen Worten die weitere Behandlung.
Er fasst mit an, als die Tochter die Mutter im Bett besser zurechtlegt. Jenny versorgt die Zugänge, sagt „Achtung, jetzt wird es etwas kalt am Bauch“, bevor sie ein Desinfektionsmittel sprüht.
Elli übersetzt es vorab der älteren Dame im Bett, die matt in der Gebärdensprache antwortet.
Sie weiß, dass sie Medikamente erhalten wird, die ihr die Schmerzen, aber auch viel der Wachheit nehmen werden.
Als Mila eintrifft kommt auch Anna mit James die Treppe runter. „James merkt, dass hier unten etwas Neues geschieht“, sagt Anna. „Könnt ihr uns einmal erzählen, was ihr macht?“
Jenny und der Arzt erklären den Kindern verständlich, dass die Oma eine Infusion erhält, damit sie keine Schmerzen mehr hat. Die Gebärdendolmetscherin übersetzt alle Gespräche, so dass jede:r im Raum alles mitbekommt.
Die Tochter streichelt der Mutter liebevoll über die Wange.
Danach gehen Anna und ich mit den Kindern ins Kinderzimmer und sie dürfen dort eine Trostsalbe machen. „Für Euch, oder Mama, Papa, die Patentante, Oma, …?“ „Für alle“, sagen sie und dann bekommt die Oma zuerst eine Salbe angemischt.
Nein, kein Lavendel, beschließen beide Kinder, den Duft mag Oma nicht. Aber Zitrone und Orange und Glitzer. „
Viel Glitzer, sagt James. Oma mag Schmuck und sie mag Glitzer.“
„Nein, nicht so viel!“, sagt Anna, als Mila mehr Glitzer als Creme in ihre silberne Salbendose schüttet. Annas Sorge ist, dass zu viel Glitzer nicht so hautverträglich ist – aber dann nickt sie. „Ach, ist doch schön.“ Denn… was soll der sterbenden Oma der Glitzer noch schaden? Erfreuen eher, oder?
Wir sprechen darüber, dass man der Oma auch mit der Creme ein Herz, einen Stern, ein Wort auf die Hand schreiben kann, weil es ab jetzt ja immer wieder kleine Abschiede sind. Das gefällt den Kindern..
Und bevor Trostsalbe für alle anderen Familienmitglieder angerührt wird, geht’s ab an Krankenbett und die Enkelkinder erklären der Oma in Gebärden, was sie für ein Geschenk haben.
Die Oma lächelt und hebt die Hände, ihre Tochter hilft dabei – und dann bekommt jedes Kind eine Hand gereicht.
Nach dem Eincremen liegen die Hände da auf der Decke, die dünne Haut, schmal, man kann alle Adern und Knochen sehen, aber darauf duftet und glitzert es.
Später sage ich der Mutter und dem Vater: „Wie schön, dass die Mutter hier zuhause sterben darf. Wie schön, dass eure Kinder ein Bilderbuch zum Thema „Sterben“ in ihren Kinderzimmern haben. Wie schön, dass ihr als Familie beisammen seid.“
Wir sagen auch, dass es ein Segen ist, dass Jenny und Herr Blum, der Arzt an ihrer Seite sind, so wertvoll.
Die Mutter lächelt und sagt: „Meine Mutter wollte uns nicht zur Last fallen und eher in ein Krankenhaus gehen, anstatt ihr Sterben in unser Wohnzimmer zu verlegen. Aber ich sagte ihr: „Mama, wenn du hier bei uns bist und auch bei uns stirbst, dann bleibt deine Seele bestimmt noch viel mehr in unserem Zuhause. Und so wie es jetzt ist, ist es gut für uns alle.“
Das hat mein Herz berührt, nicht nur darin meinen Anteil der Familientrauerbegleiterin, sondern auch den der Tochter, Mama und Oma.
Was unsere Aufgabe der Familientrauerbegleitung war?
Wir haben mit den Kindern über ihr Wissen und über neue Informationen gesprochen.
Wir haben überlegt, was gut tut, wenn es einem schlecht geht.
Wir sprachen über Gefühle, die durch Tränen anderer ausgelöst werden.
Wir hatten Materialien/Symbole mit, die Erklärhilfen sind, für die man auch keine Lautsprache benötigt.
Wir haben den Eltern alterstypische Trauerreaktionen von Kindern erklärt, den Eltern auch Infos zur eigenen Trauer gegeben.
Und wir haben mit dem Palliativdienst Hand in Hand gearbeitet und beidseitig wieder Neues gelernt.
Heute fahren Anna und Malte noch einmal in die Familie, in der Tasche schöne Dinge für die Trauerarbeit.
Für diese Begleitung unterstützt uns das Palliativnetz Bochum. Begleitungen anderswo sind nur durch Spenden möglich.
Danke für eure Hilfe. Danke für euer Teilen.
https://lavia-ggmbh.de/spenden/