14/12/2025
3. Advent: 🎄 Warum Weihnachten so tief geht
Weihnachten kommt nicht einfach.
Es klopft nicht an, es tritt ein.
Mit Lichtern, Liedern und sehr genauen Vorstellungen davon, wie es sein sollte.
Und plötzlich sitzt man da. Zwischen Plätzchen und Pflichtterminen. Zwischen „Wir machen es uns gemütlich“ und dem leisen Gefühl, dass etwas fehlt. Oder zu viel ist. Oder beides.
In meiner psychotherapeutischen Praxis erzählen mir viele Menschen, dass sie gerade an Weihnachten spüren, was sie das Jahr über gut weggeschoben haben. Einsamkeit zum Beispiel. Alte Verletzungen. Unerfüllte Sehnsüchte. Oder diese stille Traurigkeit, die keinen Namen hat, aber pünktlich zum Heiligabend auf dem Sofa sitzt. Es zeigt sich jedes Jahr aufs Neue, wie stark Weihnachten Menschen emotional berührt – oft mehr, als ihnen lieb ist. Diese Tage sind eben nicht nur ein Fest, sie wirken wie ein Vergrößerungsglas für alles, was innerlich ohnehin in Bewegung ist.
Weihnachten ist aufgeladen mit Erwartungen: Nähe, Harmonie, Verbundenheit. Bilder davon begegnen uns überall. Wenn das eigene Erleben damit nicht übereinstimmt, entsteht schnell das Gefühl, etwas stimme nicht – mit der Beziehung, der Familie oder mit einem selbst. Viele versuchen dann besonders zu funktionieren, gute Stimmung herzustellen oder alte Konflikte zu überdecken. Doch genau dieser Druck lässt die Gefühle häufig umso stärker hervortreten.
Weihnachten rührt an unsere Geschichte. An das Kind in uns, das gehofft hat. An die Familie, die es gab – oder nie wirklich gegeben hat. An Menschen, die fehlen. Und an Beziehungen, in denen Nähe manchmal mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.
Während draußen Harmonie blinkt, wird innen ehrlich Bilanz gezogen.
Bin ich angekommen? Bin ich verbunden? Werde ich gesehen?
Viele glauben dann, sie müssten „sich zusammenreißen“. Schließlich ist doch Weihnachten. Doch Gefühle lassen sich nicht in Geschenkpapier wickeln und verstauen. Sie kommen trotzdem. Vielleicht gerade deshalb.
Auch Beziehungen stehen an diesen Tagen unter Spannung. Wenn der Alltag sonst wenig Raum für ehrliche Gespräche lässt, brechen ungelöste Themen oft gerade dann auf, wenn eigentlich Ruhe und Harmonie erwartet werden. Das kann verunsichern und belasten – ist aber zugleich ein Hinweis darauf, dass etwas gesehen werden möchte.
Weihnachten ist kein Beweis dafür, dass etwas falsch läuft. Es ist eher ein sanfter, manchmal schmerzhafter Hinweis darauf, wo wir uns selbst, unsere Bedürfnisse und unsere Verletzlichkeit ernster nehmen dürfen.
Weihnachten zeigt deshalb nicht, dass etwas „falsch“ ist. Es zeigt oft sehr ehrlich, wo Bedürfnisse, Trauer, Sehnsucht oder Veränderungswünsche liegen. Für viele Menschen ist das herausfordernd – und gleichzeitig ein wichtiger Moment, innezuhalten und sich selbst ernst zu nehmen.
Und vielleicht ist das – bei aller Schwere – auch eine leise Einladung.
Hinsehen. Spüren. Und sich erlauben, nicht perfekt festlich zu sein.
💛
̈hle