26/01/2026
Pferdefütterung zwischen Wissen und Glaubenskrieg
Wer sich heute mit Pferdefütterung beschäftigt – sei es in Facebook-Gruppen, Foren oder Kommentarspalten kommt schnell dahinter:
Manche Diskussionen haben mit fachlichem Austausch nur noch wenig zu tun. Besonders deutlich wird das bei drei Klassikern:
Luzerne, Hafer und Selen.
Hier gibt es oft nur zwei Lager:
dafür oder dagegen.
Schwarz oder weiß.
Richtig oder falsch.
Dazwischen luftleerer Raum!
Und genau da müssen wir sensibler werden.
Luzerne – good or bad guy ?
Für die einen ist Luzerne ein hochwertiger Eiweißlieferant, strukturreich, kalziumbetont, ideal für Muskulatur und Magenschutz.
Für die anderen ist sie „entzündungsfördernd“,„reheauslösend“ oder grundsätzlich ungeeignet.
Beides kann stimmen , je nach Pferd.
Ein Pferd mit niedrigem Rohproteingehalt in der Ration, schwacher Muskulatur oder Magenthemen kann von Luzerne profitieren.
Ein Pferd mit bestehender Stoffwechselproblematik, ungünstigem Ca:P-Verhältnis oder entzündlicher Gesamtlage kann damit Probleme haben.
Luzerne ist weder gut noch böse. Sie ist ein Werkzeug. Und jedes Werkzeug muss zum Einsatz passen.
Hafer bestes Kraftfutter oder macht gaga?
Hafer gilt wahlweise als:
• das einzig wahre Kraftfutter
oder
• als Auslöser für Rehe, Überschussenergie und „hibbelige“ Pferde.
Auch hier gilt: Der Kontext entscheidet.
Ein sportlich gearbeitetes Pferd mit guter Insulinsensitivität, ausreichender Bewegung und funktionierender Leber kann Hafer sehr gut verwerten.
Ein EMS-Pferd, ein wenig bewegtes Freizeitpferd oder ein Tier mit gestörtem Darm eher nicht.
Hafer ist weder Freund noch Feind. Aber auch wieder ggf Werkzeug oder passende Zutat!
Der nächste bitte!
Selen – lebenswichtig oder brandgefährlich?
Kaum ein Spurenelement wird so emotional diskutiert wie Selen. Und hier werden viele wirklich persönlich als würde man Ihnen ins Fleisch schneiden!!!
„Bloß nicht geben, hochtoxisch!“ trifft auf „ohne Selen keine Muskulatur, kein Immunsystem“.
Faktisch ist beides korrekt – in unterschiedlichen Situationen.
Selenmangel ist in vielen Regionen real und klinisch relevant.
Eine unkontrollierte oder langfristige Überdosierung ist ebenso real und Stoffwechsel gefährlich.
Die entscheidende Frage lautet nicht ob Selen, sondern:
• welches Pferd
• welcher Status
• welche Form
• welche Menge
• und wie lange
Ohne Blutwert ist jede Diskussion darüber letztlich ideologisch, nicht fachlich.
Messen-Supplementieren-Messen
💯
Warum dieses Schwarz-Weiß-Denken problematisch ist 🌈🌈🌈
Pferde sind Individuen.
Sie unterscheiden sich in:
• Stoffwechsel
• Nutzung
• Rasse
• Gesundheitsstatus
• Vorbelastungen
• aktueller Immunlage
Eine pauschale Aussage wie „Luzerne ist schlecht“, „Hafer macht Rehe“ oder „Selen ist gefährlich“ blendet diese Realität aus.
Wissenschaft arbeitet nicht mit Glauben, sondern mit Differenzierung.
Gute Fütterung ist kein Dogma, sondern eine Anpassungsleistung.
Mein Wunsch für die Fütterungsdiskussion
Weniger Lagerdenken.
Weniger Missionierung.
Mehr Fragen wie:
• Für welches Pferd?
• In welcher Situation?
• Mit welchen Begleitfaktoren?
• Auf Basis welcher Diagnostik?
Denn Pferdefütterung ist kein Glaubenskrieg.
Sie ist Biochemie, Physiologie – und Verantwortung.
Und manchmal ist die ehrlichste Antwort nicht „ja“ oder „nein“, sondern:
„Es kommt darauf an.“ -