10/02/2026
Guten Morgen
Heute möchte ich einige Gedanken zu einem Thema mit euch teilen, das mir in meiner Praxis immer wieder begegnet.
Sigmund Freud hat dazu mal gesagt: "Das gesamte Familienleben organisiert sich an der am meisten beschädigten Person darin."
Vielleicht kennst du das ja aus eigenem Erleben, denn es ist gar nicht so selten. Häufig sind es Menschen mit langen psychischen oder chronischen Erkrankungen, um die sich das Familienleben organisiert. Das Leiden nimmt Raum ein und ganz unbewusst reagiert das (Familien)System.
Viele dieser Patient*innen tragen zusätzlich zu ihren Symptomen ein schweres Gefühl von Schuld. Sie denken oft, sie wären eine Belastung oder wegen ihnen sei alles komplizierter.
Und gleichzeitig erlebe ich Familien, die aus Liebe, Sorge und Hilflosigkeit heraus viel auffangen, mittragen und kompensieren. Oft so sehr, dass sich das gesamte Systen um die Erkrankung herum stabilisiert. Manchmal kann genau das, ganz ungewollt, dazu beitragen, dass Veränderung schwerer wird. Nicht, weil jemand etwas falsch macht, sondern weil sich alle angepasst haben, um das Zusammenleben irgendwie möglich zu halten. Das ist komplex und es ist niemandes Schuld. Erkrankung ist kein persönliches Versagen. Und die Fürsorge der Angehörigen ist kein Fehler. Beides ist Ausdruck von Bindung.
Vielleicht darf heute ein neuer Gedanke Raum bekommen: dass Heilung nicht ausschließlich bedeutet, jemanden "weniger krank" zu machen. Sondern auch Beziehungen beweglicher werden zu lassen, Lasten zu teilen, Schuldgefühle zu entlasten und neue Wege des Miteinanders langsam auszuprobieren.
Wie kann das aussehen?
Oft ist es hilfreich, sein Denken über sich selbst und über andere behutsam zu verändern.
Aus: "Ich bin so krank, ich kann gar nichts alleine, immer muss sich jemand um mich kümmern, ich bin eine Belastung."
kann vielleicht werden: "Ich merke, dass ich mich schuldig fühle, nicht, dass ich etwas falsch mache."
oder
"Ich mache das, was ich alleine kann und nehme Hilfe dort an, wo ich sie wirklich brauche."
Angehörige (leider oft auch Kinder) müssen nicht mehr ständig nur Dinge machen, die die erkrankte Person "glücklich" machen sollen. Sie müssen nicht permanent aufpassen, ja keinen Fehler zu machen, damit es der Person nicht "noch schlechter" geht.
Angehörige dürfen eigene Bedürfnisse haben, eigene Interessen, eigene Grenzen.
Ein gemeinsamer, sehr entlastender, Gedanke kann sein:
"Niemand hier das Problem. Das Problem ist, dass alle versucht haben, es allein zu tragen."
Ich wünsche dir und allen Betroffenen für heute, dass ihr euch gegenseitig mehr Verständnis entgegenbringt und euch erlaubt, dass Veränderung Zeit braucht.
Du bist nicht falsch, weil du leidest. Und du bist nicht falsch, weil du dich kümmerst.
Hab einen behutsamen, freundlichen Tag.