30/12/2025
Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir unsere Sprache noch einmal neu befragen. Vor allem dort, wo sie still und leise beginnt, Menschen von sich selbst zu entfernen.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder etwas sehr Berührendes und zugleich sehr Trauriges: Menschen, die sich entschuldigen, weil sie um Hilfe bitten. Menschen, die eine Nachricht schreiben und sich gleich mehrfach dafür rechtfertigen. Menschen, die gelernt haben, dass Bedürftigkeit gleichbedeutend mit Schwäche sei.
Eine Patientin sagte neulich zu mir: „Ich weiß, ich sollte mich melden … aber es fühlt sich so schwach an. Und dafür schäme ich mich.“
Wenn Hilfe holen als Schwäche abgespeichert ist, dann wird Nähe gefährlich. Dann wird Unterstützung etwas, das man sich eigentlich nicht erlauben darf. Und dann kann es passieren, dass genau das fehlt, was am dringendsten gebraucht würde, nicht aus Unwillen, sondern aus innerer Verurteilung.
Diese innere Stimme ist selten „selbstgemacht“. Sie entsteht in Familien, in Systemen, in einer Gesellschaft, die frühes Funktionieren belohnt und leises Leiden übersieht.
Dabei ist um Hilfe zu bitten kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Wahrnehmung, von Selbstkontakt, von Überlebensklugheit. Es bedeutet: Ich nehme ernst, dass ich gerade nicht allein weiterkomme.
Wenn wir beginnen, das anders zu benennen,
verändert sich etwas Grundlegendes: Aus „Ich bin schwach“ wird vielleicht „Ich spüre meine Grenze“ und aus Scham kann langsam Selbstmitgefühl werden.
Ich wünsche mir, dass wir diese alten Zuschreibungen nicht weitertragen.
Nicht an unsere Kinder. Nicht an unsere Freund*innen. Nicht an unsere Patient*innen.
Und auch nicht an uns selbst.
Denn Menschen werden nicht krank davon, Hilfe zu brauchen. Sie leiden daran, sich dafür verurteilen zu müssen.