11/02/2026
In den stillsten Winkeln unseres Lebens wohnt ein Gefühl,
das uns gleichzeitig schützt und begrenzt: Scham.
In den leisen Winkeln der Scham
Scham hat viele Gesichter. Manche zeigen sich offen, andere bleiben verborgen wie feine Schatten am Rand unseres Bewusstseins. Oft merken wir gar nicht, wie sie uns lenkt – wie wir einen Schritt zurücktreten, ein Bedürfnis verschweigen, eine Grenze übergehen oder uns anpassen, obwohl etwas in uns leise widerspricht.
Und doch ist Scham nicht nur ein Gefühl, das uns klein macht. In ihrer gesunden Gestalt ist sie eine Hüterin. Sie bewahrt uns davor, uns selbst oder andere zu übergehen. Sie erinnert uns daran, dass Würde etwas Zartes ist – in uns und in den Menschen um uns herum.
Wir haben gelernt, Bedürfnisse aufzuschieben. Nicht jedem Impuls zu folgen. Nicht jedes Verlangen sofort zu stillen. Das ist Reife. Das ist soziale Intelligenz. Doch irgendwo zwischen einem Zuviel an Zurückhaltung und einem heilsamen Maß an Selbstfürsorge liegt dieser fragile Ort des „genau richtig“.
Doch wenn die Scham uns daran hindert, unsere Bedürfnisse zu äußern oder schlichtweg „Stopp“ zu sagen, wird sie zum Käfig.
In meiner Arbeit begegne ich vielen Menschen, die sehr früh gelernt haben, ihre Grundbedürfnisse leise zu stellen:
das Bedürfnis nach Bewegung, nach einer Pause, nach Rückzug.
Nach einem Moment des Nicht-Funktionierens.
Nach Albernheit.
Nach zweckfreier Freude.
Gerade in Leistungsräumen – in Schulen, Hochschulen, Unternehmen – scheint Makellosigkeit manchmal zur stillen Währung geworden zu sein. Erfolg soll sichtbar sein, Zweifel hingegen nicht. Stärke darf erscheinen, Müdigkeit besser nicht.
Doch unter dieser Oberfläche schwingt sie mit: die Scham.
Still. Beharrlich. Formend.
Schamlos zu sein, ist nicht das Ziel. Das Ziel ist eine Scham, die im besten Sinne bewahrt.
Eine Scham, die als gesunder Grenzgeber fungiert.
Eine Instanz der Persönlichkeit, die uns hilft, unsere Neugierde zu schützen, ohne übergriffig zu werden.
Eine Kraft, die uns erlaubt, ein durchdringendes „Ja, ich will“ oder ein klares „Nein, bis hierher und nicht weiter“ zu formulieren – nicht als forderndes Recht, sondern als würdevollen Anspruch an uns selbst.
Dass wir wissen, worin wir glänzen.
Und ebenso erlauben, worin wir unvollkommen sind.
Wenn wir heute beginnen, in diese kleinen, niedrigschwelligen Winkel der Scham zu schauen, entdecken wir vielleicht etwas Überraschendes:
Scham will uns nicht einengen. Sie will uns erinnern.
An unser Maß.
An unsere Verletzlichkeit.
An unsere Menschlichkeit.
Und vielleicht dürfen wir uns heute eine stille Frage stellen:
Wo schützt mich meine Scham –
und wo darf ich mich ein wenig weiter ins Leben wagen?
Denn zwischen Schutz und Mut entfaltet sich genau jener Raum, in dem wir wachsen können. Nicht makellos. Aber wahrhaftig.