18/02/2026
Die laute Seite der Scham
Scham ist nicht nur leise.
Sie kann auch laut werden.
Manchmal bricht sie aus in Farben, in Musik, in Körperlichkeit.
In Karnevalsumzügen, in ausgelassenen Festen, in den schillernden Paraden der Christopher Street Day.
Was auf den ersten Blick wie reine Ekstase erscheint, wie Provokation oder Überschreitung, ist oft auch ein Gegenpol.
Ein kraftvolles Nein zu einer Moral, die sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte als falsch verstandene Unterwerfung in Körper und Biografien eingeschrieben hat.
Wo Menschen lange gelernt haben, sich zu verstecken,
wird Sichtbarkeit zum Akt der Würde.
Wo Sinnlichkeit tabuisiert wurde,
wird sie zur Feier.
Wo Identität beschämt wurde,
wird sie öffentlich getragen – mit Glitzer, mit Haut, mit Tanz.
Die laute Seite der Scham ist kein Verlust von Grenze.
Sie ist oft der Versuch, eine verzerrte Grenze neu zu ziehen.
Wenn wir uns unserem Sein hingeben – unserer Sinnlichkeit, unserer Lebendigkeit, vielleicht sogar unserer Ekstase – dann geschieht das nicht zwangsläufig schamlos. Es kann ein Akt der Selbstermächtigung sein. Ein Moment, in dem der Körper sagt:
Ich bin.
Ich darf sein.
Ich zeige mich.
Gerade in gesellschaftlichen Kontexten, in denen Normen eng geführt wurden, in denen Begehren, Vielfalt oder Anderssein moralisch sanktioniert wurden, entsteht diese Gegenbewegung fast organisch. Das Ausgelassene wird zur Korrektur. Die Lautstärke zum Gegengewicht.
Und doch bleibt auch hier die Frage nach dem Maß.
Denn Befreiung ist nicht gleichbedeutend mit Maßlosigkeit.
Ekstase ist nicht identisch mit Grenzlosigkeit.
Vielleicht ist die reife Bewegung zwischen beidem zu finden:
zwischen einer Scham, die uns klein hält,
und einer Kraft, die uns sichtbar macht.
Zwischen Rückzug und Ausdruck.
Zwischen Schutz und Feier.
Die laute Seite der Scham erinnert uns daran, dass Würde nicht immer still ist.
Manchmal tanzt sie.
Manchmal singt sie.
Manchmal trägt sie Federn, Farbe und eine Fahne.
Und vielleicht liegt genau darin eine gesellschaftliche Heilbewegung:
Dass wir lernen, weder moralisch zu unterwerfen noch uns selbst zu verlieren –
sondern unser Sein in seiner Vielfalt anzuerkennen.
Leise.
Und laut.