15/03/2023
„Tolle Erklärung, was in den Apotheken derzeit passiert.
Ich kann nur sagen - auch bei uns Ärzten ist es nicht viel anders. Wir bekommen seit über 25 Jahren eine budgetierte Vergtung, d.h. wir werden dafür bestraft, wenn wir zu viele Patienten behandeln. Wir bekommen einen Abzug für verordnete Medikamente, wenn man uns „unwirtschaftliche Verordnung“ vorwirft. Uvm.
Dass unter diesen Bedingungen keiner mehr in die medizinische Versorgung einsteigen will. und schon gar nicht als selbständiger Praxisinhaber dürfte nicht schwer zu erraten sein.“
Dr. Ilka Enger, Internistin
Der letzte Kittel für Karl Lauterbach
An und für sich sind ja Apotheker*innen eher als angepasste und zurückhaltende Zeitgenossen bekannt, die brav und verlässlich ihren Dienst tun. Und grundsätzlich tun wir das auch sehr gerne. Wir sind immer für Euch da, ob in guten oder schlechten Zeiten, und es macht uns einfach Spaß, uns um unsere Lauterberger zu kümmern. Wir bekommen fast alles hin, nicht nur, weil wir mit unglaublicher Leidenschaft unseren Beruf ausüben, sondern weil wir auch wissen, dass ohne unser Engagement und das all der anderen Gesundheitsdienstleisterwie Ärzt*innen, Krankenschwestern und -pflegern, Altenpfleger*innen, Physiotherapeut*innen u.v.m., unser Gesundheitssystem schon längst nicht mehr das wäre, was es ist, nämlich NOCH eines der Besten in Europa.
Aber damit das auch so bleibt, muss die Politik etwas tun, und zwar schnellstens!
Darum beteiligen auch wir uns an der Protest-Aktion „Der letzte Kittel“ von der IG Med und dem Verein Freie Apothekerschaft.
Hier etwas über die Hintergründe, wieso auch wir Apotheker*innen nicht länger still sein können:
Karl Lauterbach ist seit seiner Zeit als Berater der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und nun auch selbst als Bundesgesundheitsminister für die Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem maßgeblich mitverantwortlich. Das Gesundheitsreformgesetz aus jener Zeit legte den Grundstein für die sich immer weiter zuspitzenden Mängel im Gesundheitswesen. Daraus resultieren viele aktuell drängende Probleme. Hier einige Beispiele:
✔️Massive Personalnot: Kaum jemand möchte unseren Beruf noch ergreifen, weil das Gehalt im Verhältnis zur notwendigen Qualifikation schon lange, lange nicht mehr so pralle ist, wie viele bei Apotheke denken. Kann man hier nachlesen: ADEXA-GeTV_ADA_01.01.2022_web.pdf (adexa-online.de)
✔️Seit 2004 keine Anpassung der Vergütung: SEIT 2004‼️‼️‼️ KEINE ANPASSUNG AUF DER EINNAHMENSEITE, ohne Rücksicht auf Inflation, steigende Personalkosten, steigende Enegergiekosten, etc.
Eine Nullrunde nach der nächsten, und als absoluten Knaller: seit Februar 2023 zusätzlich eine Verringerung der ohnehin schon lange nicht mehr zeitgemäßen Vergütung durch Erhöhung des sog. Kassenabschlages, der zwei Jahre lang von 1,77 Euro auf 2 Euro je verschreibungspflichtiger Packung erhöht wird.
Dieser belastet die Apotheken seit dem 1. Februar 2023 bis zum 31. Januar 2025.
Vom 1. Januar 2023 bis zum 31. Dezember 2023 müssen die Apotheken zudem einen erhöhten Herstellerabschlag an die Krankenkassen abführen. Er liegt für ein Jahr bei 12 Prozent des Abgabepreises des pharmazeutischen Unternehmers (ohne Mehrwertsteuer) statt bei bislang 7 Prozent.
✔️Überbordende Bürokratie: Wir ersaufen in (nutzlosem) Papierkram.
✔️Präqualifizierung: Um von den kranken Kassen die Erlaubnis zu erhalten, Euch zum Selbstkostenpreis mit zum Beispiel Pennadeln und Diabetiker-Teststreifen versorgen zu dürfen, müssen wir bergeweise Papierkram erledigen und diesen kostspielig alle paar Jahre rezertifizieren lassen. Und nur noch mal zu Erinnerung: All das, was wir da nochmal dokumentieren müssen, müssen wir laut Apothekengesetz und Apothekenbetriebsordnung sowieso erfüllen, sonst dürften wir die Türen gar nicht erst öffnen…
✔️Lieferengpässe: Um Euch noch irgendwie mit den benötigten Arzneimitteln versorgen zu können, haben wir zur Zeit einen erheblichen Mehraufwand durch Recherche, Telefonate, Dokumentation, etc. Und das alles nur, weil die Hersteller von dem Geld, das sie von den Krankenkassen bekommen, viele Arzneimittel eben nicht mehr wirtschaftlich produzieren können.
Naja – und dann regelt das eben der Markt: Was nicht wirtschaftlich ist, wird nicht mehr produziert.
🤮Nullretaxe: Wusstet Ihr, dass Eure Krankenkassen ganze Unternehmen dafür bezahlen, dass sie die Rezepte, die Ihr bei uns in der Apotheke eingelöst habt, auf Formfehler überprüfen?
Zum Beispiel fehlende Dosierungsangabe, es fehlt eine Telefonnummer im Arztstempel, der Abgabezeitraum ist um einen Tag überschritten, die Apotheke hat vergessen, ausführlich zu dokumentieren, warum Ihr ein Ersatzarzneimittel bekommen habt, und ist nach einem Jahr nicht mehr in der Lage, nachzuweisen, dass das ursprünglich verordnete tatsächlich an dem Tag nicht lieferbar war…
Diese Unternehmen suchen also gezielt nach solchen „Verfehlungen“ und schicken dann im Namen der Krankenkassen sogenannte „Retaxe“ raus. Das bedeutet nichts anderes als folgendes: Die Apotheke erhält für das abgegebene Arzneimittel keine Vergütung. Sie hat Euch das Arzneimittel also geschenkt. Und zwar vollkommen egal, ob das 3,95 Euro oder 30.000 Euro gekostet hat. Hammerhart.
Und schon allein die Tatsache, dass es mittlerweile ganze Unternehmen gibt, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Rezepte nach solchem Einsparpotential für die kranken Kassen zu durchsuchen, lässt doch schon erkennen, dass es da einen Vorsatz gibt. (Man stelle sich vor, man könnte die Kosten für all diese Mitarbeiter einsparen, dann wäre eventuell auch der Versicherungsbeitrag günstiger…)
➡️Ihr seht, um Euch zu versorgen, tragen wir Apotheken vor Ort mittlerweile ein unverschämt hohes persönliches Risiko, denn jeder Apotheker haftet mit seinem gesamten privaten Vermögen für seinen Betrieb. Da sollten doch zumindest die „Spielregeln“ fair und zumutbar sein. Und das sind sie schon lange nicht mehr.
Es ist dringend an der Zeit, dass aufgehört wird, das Gesundheitssystem an den relevanten Ecken kaputtzusparen❗️
Natürlich ist ein funktionierendes, solides Gesundheitssystem eine teure Angelegenheit. Und sicherlich gibt es hier und da auch Möglichkeiten, Geld einzusparen. Ob man Gesundheit wirklich wirtschaftlich oder gar gewinnbringend betreiben kann, ist allerdings generell fraglich. Aber letztlich ist es auch die Frage, ob sich ein Land wie Deutschland mit einer der größten Volkswirtschaften weltweit eine solide Gesundheitsversorgung für all seine Bürger leisten möchte oder nicht. Bereits jetzt hängt das deutsche Gesundheitssystem im europäischen Vergleich deutlich hinterher. (Mit 23 Apotheken pro 100.000 Einwohner liegt Deutschland im unteren Drittel des europäischen Vergleichsfelds.)
Wir wollen auch weiterhin für Euch stark sein können - und darum kämpfen wir eben auch 💪.