11/08/2024
Wunderbar geschrieben 🤗
Diese Punkte nehme ich auch gerne mit in meine Stunden den es macht es einfach einfacher und entspannter.
Habt alle zusammen einen schönen Sonntag.
Der umfassende Blick
Kennst du das:
Man reitet durchs Gelände oder geht mit seinem Pferd spazieren und alles ist einfach wunderbar leicht und friedlich und schön.
Und wenn man dann auf dem Platz oder in der Halle arbeitet ist dieser Flow nicht da.
Viele Leute glauben, dass es daran liegt, dass das Pferd sich ja nun "anstrengen" muss, und nicht so gern arbeitet, lieber auf der Koppel wäre.
Doch es strengt sich auch beim Ausritt an und arbeitet auch dann gern für und mit uns.
Der Unterschied ist der, dass es dabei Freude hat, seinen Körper freier, und dadurch balancierter, benutzen darf. Und ein Grund für diese Freude ist oft, dass sein Mensch weicher, offener ist. Im Körper und im Kopf.
Wenn wir durchs Gelände reiten, oder gehen, wandert unser Blick meist durch die Welt. Wir schauen weit voraus oder genießen die Aussicht, um uns herum.
Im Viereck wird der Blick oft eng. Manche schauen nur auf den Kopf ihres Pferdes, andere fixieren bestimmte Körperteile, wie die Vorderbeine, oder den Hals oder die Hinterbeine.
Diese Enge nennt man auch Tunnelblick. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt und nicht mehr das Ganze. Der Tunnelblick kann hilfreich sein, wenn ich mich für einen Moment auf etwas fixiere, wie eine Sprung, den ich genau anreiten will, doch dann ist es wichtig, ihn auch wieder los zu lassen und umfassend zu schauen, denn die Fixierung der Augen fixiert auch meinen Körper.
Probiere es mal aus. Es gibt verschiedene Übungen dazu.
1. Reite einfach am losen Zügel und spür nach, ob du deine Sitzbeine fühlen kannst, oder wie du die Füße im Bügel wahrnimmst, wie dein Pferd dich trägt und wie du atmest.
Vergleiche diese Wahrnehmung wenn du den Blick in die Ferne schweifen lässt, also auf dem Weg voraus, ans Ende der Bahn, wenn du im Viereck reitest, oder nach vorne auf Wald und Feld, und dann schau auf das Genick deines Pferdes, oder auf die Ohren und beobachte wie gut du dich und das Pferd dann fühlst.
Wann fühlst du dich besser? Im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht zeigt auch dein Pferd dir eine direkte Reaktion.
2. Wenn du Bodenarbeit machst, probiere aus was der Unterschied ist, ob du ein Körperteil deines Pferdes fixierst, seine Hufe, sein Genick, oder seine Hinterhand und was sich ändert wenn du deinen Blick weit stellst und auch in der Peripherie siehst, also aus den Augenwinkeln, den Rest des Pferdes mit wahrnimmst. Wir können fast 180 Grad sehen, mit weichen Augen, wie Sally Swift es nannte. Das heißt während ich auf den Rücken meines Pferdes in der Bodenarbeit schaue, kann ich auch sehen wie hoch es den Kopf hat und was die Hinterhand tut, ohne hin und her zu schauen. Doch wenn das am Anfang noch zu schwer ist, dreh deinen Kopf und schau tatsächlich mal hierhin und mal dahin. Geh einfach. mal raus aus der Fixierung und beobachte was sich ändert.
Wann gelingt es dir dich auch selbst zu fühlen. Wie du auf deinen Füßen stehst, was deine Hände tun, wie du atmest.
Welche Veränderung schafft das im Pferd, wenn du es als Ganzes wahrnimmst und auch dich selbst?
3. In der Körperarbeit
Fühle dich, fühle dein Pferd. Beobachte den Atem und dann tu das Gleiche: Fixiere dich für ein paar Atemzüge auf den Punkt mit dem du gerade arbeitest und dann weite deine Achtsamkeit aus. Mach deine Augen weich, versuche im Augenwinkel den Rest des Pferdes wahrzunehmen. Wie schaut es gerade, wie atmet es, was macht sein Schweif und wie steht es auf seinen. 4 Hufen. Korrigiere es nicht, nimm nur wahr, dein Pferd und dich. Wie stehst du auf deinen 2 Beinen, wie weich oder angespannt ist dein Gesicht, wie ist dein Atem?
Wann fühlst du dich besser? Und auch dein Pferd.
Es ist ziemlich faszinierend zu beobachten wie wir weich werden, wenn unser Blick weit wird. Unser Atem beginnt frei zu werden, was die Pferde oft mit einem tiefen Atmen augenblicklich spiegeln, unsere Hände werden sanft und unsere Wahrnehmungsfähigkeit ändert sich extrem. Auch die, für uns selbst.
Dieses umfassende Sehen ermöglicht uns auch, zu erkennen, was ausserhalb vorgeht, ohne das unser Fokus dahin geht. Wir können sehen wo die anderen reiten, ohne die Konzentration auf unsere Arbeit zu verlieren. Wir nehmen war was auf uns zu kommt, oder wo es Unruhe gibt, und können dabei doch ganz in unserer Ruhe bleiben.
Wer damit schon geübt ist, kann das noch erweitern, indem er seine Wahrnehmung auch hinter sich lenkt. Ja, es klingt schräg, das dachte ich damals auch, als ich das bei einer Feldenkrais Fortbildung lernte, doch es ist faszinierend. Probiert es, wenn ihr irgendwo herumlauft, im Wald oder auch in einer Stadt.
Wir gaben uns damals gegenseitig Feldenkrais Einzelstunden, arbeiteten also mit den Händen an einem Partner und es war unglaublich wie diese rundum Wahrnehmung uns feiner, achtsamer und besser machte. Zuerst dachte man natürlich man konzentriert sich zu wenig auf den andern, doch genau das Gegenteil war der Fall. Das Auflösen der Fixierung schuf Freiraum für Entwicklung und fühlte sich, auch als der Behandelte, großartig an.
Ebenso verbesserte sich mein Laufen, als ich es im Wald übte.
Seither tu ich das immer bei den Pferden, vor allem in der Körperarbeit, wenn ich ganz nah bin, und bei großen Pferden vielleicht gerade nicht so viel in der Peripherie sehe. Dann weite ich meine Wahrnehmung um mich herum aus.
Oder auch, wenn ich merke, das Pferd hat nicht ganz so viel Freude, wie ich es mir wünsche, es entwickelt sich gerade nicht so gut, wie ich es gewohnt bin. Dann liegt es oft daran das ich zu fixiert bin, zu eng in meinen Augen und in meinem Kopf. Dann weite ich meine Aufmerksamkeit aus, stelle meinen Blick weit, und werde so wieder sanfter, handele angemessener, intelligenter, der Druck verschwindet und das Pferd atmet auf und wir entwickeln uns weiter, weil wieder Harmonie entsteht und weniger "wollen"
Auch in meinem umfassenden Blick bleibe ich in der Visualisierung meines Wunsches. ich sehe das Pferd vor meinem inneren Auge, mit der Möglichkeit, der Fähigkeit, auszuführen worum ich es bitte. Doch ich erkenne leichter, wenn es mir signalisiert, das es das so, oder hier und jetzt, gerade nicht kann. Und dann kann mein Gehirn leichter neue Wege finden und so haben wir beide eine gute Zeit, und arbeiten macht Freude, drinnen und draussen.
Give it a try - lass dich überraschen und sei offen für ein, vielleicht, überraschendes Ergebnis.
Grüß dein Pferd von mir, Anke