05/03/2026
👍 Sollte JEDER Reiter und vor allem Trainer wissen und beherzigen!
Sperrriemen: Der „Maul-zu-Gurt“ am Pferd und warum wir ihn nicht brauchen
Ich sag’s ganz ehrlich: Ich hab richtig Bauchschmerzen, wenn ich sehe, wie selbstverständlich der Sperrriemen bei vielen Pferden drangeschraubt wird und dann auch noch so eng, dass man denkt: „Atmen, kauen, schlucken? Heute eher nicht.“ Der Sperrriemen ist ja kein Zaubertrick. Er ist im Kern ein Riemen, der das Maul weniger aufmachen lässt. Punkt. Und genau da liegt das Problem: Wenn ein Pferd das Maul öffnet, dann ist das meistens keine „Unart“, sondern eine Nachricht. Und statt die Nachricht zu lesen, kleben wir ihr sinngemäß ein Stück Tape über den Mund.
Was dabei oft komplett vergessen wird: Pferde brauchen ihr Maul nicht nur, um „brav auszusehen“. Sie brauchen es auch, um Spannung loszuwerden. Dieses Abkauen, dieses Schlucken, diese kleinen Maulbewegungen, das ist bei vielen Pferden ein echtes Entspannungszeichen. So ein „Ich kann kurz loslassen“-Moment. Wenn ich das mechanisch blockiere, kann ich zwar erreichen, dass es nach außen ruhiger wirkt, aber ich nehme dem Pferd damit auch ein Stück Selbstregulation. Und dann wundern wir uns, warum manche Pferde innerlich immer fester werden.
Und ja, ich weiß: „Aber bei meinem ist es sonst unruhig im Maul.“ Genau. Und dann wäre doch die faire Frage: Warum? Ist die Hand wirklich weich und still? Passt das Gebiss? Sitzt das Kopfstück? Sind Zähne und Maul gesund? Ist das Pferd gerade überfordert oder gestresst? Denn diese Ursachen verschwinden nicht, nur weil der Sperrriemen sie unsichtbar macht. Der Riemen löst nichts – er verschiebt nur die Optik.
Das ist nicht nur ein Gefühlsthema, das ist auch ein Welfare-Thema. Studien zu Nasenriemen zeigen, dass restriktive Verschnallung mit hohem Druck einhergehen kann und dass genau solche Einschränkungen mit Risiken wie Schmerz, Unbehagen und sogar Gewebeschäden diskutiert werden. Neuere Arbeiten fanden außerdem bei sehr fest verschnallten Nasenriemen mehr Hinweise auf Unbehagen und Effekte, die sogar den Bereich der oberen Atemwege betreffen können. Und weil das im Sport offensichtlich ein echtes Problem ist, hat die FEI inzwischen standardisierte Kontrollen zur Nasenriemen-Lockerheit eingeführt bzw. ausgerollt.
Und noch was: Der Sperrriemen ist auch keine uralte, heilige Reittradition, ohne die früher keiner klargekommen wäre. Als Zusatzriemen wurde er vor allem dafür genutzt, Maultätigkeit zu kontrollieren und das Bild „ruhiger“ zu machen, in deutschsprachigen Aufarbeitungen wird beschrieben, dass diese Zäumungsform in Lehrmeinungen/Richtlinien erst vergleichsweise spät fest verankert wurde (u. a. ab Ende der 1970er).
Unterm Strich: Ich finde, Pferde verdienen, dass wir sie ernst nehmen, auch dann, wenn ihr Feedback gerade nicht in unser Schönbild passt. Ein Pferd, das losgelassen ist, braucht keinen Sperrriemen, um „schön“ zu wirken. Und ein Pferd, das ohne Sperrriemen nicht gut läuft, braucht nicht mehr Leder am Kopf, sondern weniger Druck, bessere Passform, bessere Ausbildung, und eine Hand, die wirklich zuhört.
Auf meinen Kursen gilt, Sperriemen ab.
Wie seht ihr das Thema?
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Seit ihr Team "mit" oder Team "ohne" Sperriemen?