21/02/2026
Loslassen oder Zulassen?
Eine Erfahrung aus dem palliativmedizinischen Alltag
Ich begleite seit vielen Jahren schwerstkranke Menschen in einer existenziellen Lebensphase – bis hin zum Lebensende. In vielen Gesprächen im palliativmedizinischen Kontext, sei es mit Pflegekräften oder Angehörigen, im Kreis der Familie, im Wohnzimmer oder auf der Pflegestation während einer kurzen Visite, begegnet mir immer wieder ein Satz, der mich jedesmal irritiert.
⚠️ Dann sagt jemand:
„Er muss jetzt loslassen.“ oder: „Sie müssen loslassen.“
Und ich merke, dass mich dieser Satz inzwischen zunehmend verärgert.
Nicht, weil er böse gemeint wäre. Sondern weil in ihm mehr mitschwingt, als derjenige, der ihn ausspricht, vermutlich beabsichtigt.
Denn „loslassen“ ist kein neutrales Wort.
Und der Unterschied zwischen Loslassen und Zulassen ist nicht nur sprachlich – er ist philosophisch, ethisch und in unserem palliativmedizinischen Kontext von erheblicher Bedeutung.
Vor einigen Jahren berichtete eine Frau in einer deutschen Talkshow von einem Erlebnis während des Tsunamis in Sri Lanka, das ihr Leben grundlegend veränderte.
Sie schilderte, wie sie an einer Stange festgeklammert ihre beiden Kinder in den Armen hielt, während die Wassermassen immer stärker wurden.
Der Sog nahm zu. Ihre Kräfte ließen nach. Und sie begriff: Wenn sie beide Kinder festhält, werden sie alle drei sterben. Sie musste entscheiden, welches Kind sie loslässt.
Diese Szene hat sich in mir als das Synonym für "Loslassen" eingebrannt.
Loslassen heißt in diesem Bild: aufgeben müssen.
Loslassen heißt: eine Verbindung aktiv unterbrechen.
Loslassen heißt: sich trennen – gegen das eigene Herz.
Wenn Angehörige im Sterbeprozess hören, sie müssten „loslassen“, schwingt genau diese Härte mit.
Es klingt, als müssten sie den geliebten Menschen freigeben. Als sei ihr Festhalten falsch. Als verhinderten sie etwas.
Das erzeugt Schuldgefühle.
Oder Widerstand.
Oder das Gefühl, man verrate den anderen.
🔴 Philosophische Dimension
Philosophisch betrachtet ist Sterben kein abruptes Ereignis, sondern ein existenzieller Prozess.
Leiden und Sterben sind nicht nur biologische Vorgänge, sondern zutiefst relationale Erfahrungen – eingebettet in Bedeutung, Identität und Lebensgeschichte.
Das Ziel palliativer Begleitung wird daher in der philosophischen Ethik nicht als Verlängerung des Lebens um jeden Preis verstanden, sondern als Ermöglichung eines würdevollen Sterbens unter Reduktion von Leid [3].
Der Mensch bleibt bis zuletzt ein Beziehungswesen.
Narrative Analysen beschreiben das Lebensende nicht primär als „Loslassen“, sondern als relationalen Prozess des Mitgehens und Mit-Sterbens. Beziehung transformiert sich – sie endet nicht einfach abrupt [4].
Hier liegt der entscheidende Unterschied:
Zulassen bedeutet nicht aufgeben.
Zulassen bedeutet anerkennen.
🔴 Ethische Dimension
In der Hospizliteratur wird kritisch hinterfragt, ob „Loslassen“ tatsächlich als notwendige Voraussetzung für gutes Sterben gelten kann [5].
Nicht alle Menschen erleben den Sterbeprozess als inneres Freigeben. Manche halten an Nähe, Sinn oder Hoffnung fest – nicht aus Verdrängung, sondern aus Verbundenheit.
Ethisch betrachtet impliziert „Loslassen“ eine mögliche Konnotation von Aufgabe oder Beziehungsabbruch.
„Zulassen“ hingegen beschreibt eine Haltung der Anerkennung des Unvermeidlichen bei fortbestehender Beziehung.
Es geht nicht um Freigabe.
Es geht um Anerkennung.
🔴 Palliativmedizinische Dimension
In der Palliativmedizin ist Beziehung kein emotionales Beiwerk – sie ist integraler Bestandteil der Versorgung.
In Beziehungsstudien zur palliativen Begleitung beschreiben das Sterben als Gefüge aus Leben im Hier und Jetzt, liebevoller Verbundenheit und einem behutsamen Navigieren des Abschieds [2].
Auch klinische Analysen zum Thema „Loslassen“ zeigen, dass Akzeptanz nicht mit Aufgabe gleichzusetzen ist, sondern als bewusste Anerkennung dessen verstanden werden muss, was sich der Kontrolle entzieht [1].
Palliativmedizinisch bedeutet Zulassen:
Symptome lindern.
Würde schützen.
Nähe ermöglichen.
Angst reduzieren.
Den natürlichen Verlauf nicht künstlich verlängern, aber den Menschen nicht allein lassen.
Es geht nicht darum, den geliebten Menschen loszugeben.
Es geht darum, den Prozess geschehen zu lassen – in Beziehung.
Der Unterschied zwischen Loslassen und Zulassen ist daher kein sprachliches Detail. Er ist philosophisch, ethisch und palliativmedizinisch grundlegend.
❌️ Loslassen trennt.
✔️ Zulassen begleitet.
Wir müssen niemanden loslassen – wir dürfen das Sterben zulassen und dabei verbunden bleiben.
Danke fürs Lesen und Teilen!
Mit den besten Grüßen
Mario Steffens
Facharzt für Allgemeinmedizin und Palliativmedizin
Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer Palliativnetz Lörrach gGmbH
Literatur:
Sercu M. General perspectives on “letting go” at the end of life. 2015.
Molloy U, Phelan A. Living, loving and letting go: relational themes in palliative care of older people. Int J Older People Nurs. 2021; e12424.
Hartogh G. Suffering and dying well: on the proper aim of palliative care. Med Health Care Philos. 2017;20:413–424.
Vinzent M. Begleiten und Loslassen, Sterben und Miteinandersterben. PhilPapers. 2025.
Medicus E. Muss man beim Sterben „loslassen“? Hospiz Tirol. 2018.
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